Eine Woche Einsamkeit auf der Tisza (Theiß)

 

 

 

 

„Leute, nehmt eure Wäsche weg,

schließt die Gartentür zu,

Musikanten sind in der Stadt...

 

 

 

  Wer kennt es nicht, dieses Lied von Reinhard Mey? 

  Ersetzt man die Worte „Musikanten sind in der

 

  Stadt“  mit  „Die Tisza-Tour ist in der Stadt“, so 

 

  könnte es sinnbildlich betrachtet ungefähr die Em-

 

  pfindungen der Einwohner Tokajs beschreiben, wenn

 

  es hieß: „Die Tisza-Tour kommt!“

 

Näherte sich diese der Stadt, konnte man die anwachsende Nervösität der Einwohner spüren. Wir selbst waren noch nicht vom Kanufieber befallen und betrachteten vor vielen Jahren erstaunt und amüsiert die illustre,  z. T. sehr verwegen aussehende Schar, die dort den Booten entstieg, sich Heuschrecken gleich über den Campingplatz ausbreitete und durch die Stadt wirbelte. Früher, so erzählten die Tokajer, glich die Tisza-Tour eher einem Viehmarkt, da auch allerlei Viehzeug wie Hennen, Kaninchen und sogar Ziegen auf den Booten transportiert wurde, um täglich frische Eier und Fleisch zu haben. Ob das so stimmt? Wer weiß? Das ist schon einige Jahre her. Uns zieht es seit einigen Jahren ebenfalls magnetisch auf das Wasser und so auch auf die Tisza., um sie von der ukrainischen Grenze bis Tokaj paddelnd per Canadier und Faltboot zu erkunden.

 

Vier „klimaanlagenverwöhnte“ Autofahrer lassen sich, eingepfercht zwischen Gepäck, im Transit von Tokaj nach Tiszabecs an die ukrainische Grenze bringen. Obwohl der Campingplatz ca. 300 m vom Fluß entfernt liegt, entscheiden wir uns, die Zelte dort aufzuschlagen, um am nächsten Morgen noch einmal warm zu duschen. Auf unserem folgenden Spaziergang entdecken wir am Ortseingang von Tiszabecs ein kleines Restaurant, das „HB München“, in dem uns ein sehr gutes „Szértespörkölt“ (Schweinegulasch) serviert wird. Nachts grüßt uns Petrus mit einem deftigen Gewitter,  was uns zunächst Böses für die Tour ahnen läßt. (Unbegründet, es sollte das einzige Gewitter bleiben.)

 

 

 

Erst kommt die Arbeit...

 

Verwöhnt mit einem von der Chefin des Campingplatzes liebevoll zubereiteten typisch ungarischen Frühstück (Rührei mit Speck, Tomaten, Paprika – nichts für Kalorienbewußte!) und einem sehr guten Kaffee,fühlen wir uns fit für die Frühgymnastik: die Portage über den Deich zur Tisza. Schwungvoll und voller Erwartung geht es an den ersten Transport. Gepäcksparend haben wir nur einen Bootswagen mitgenommen, so muß die Portage zweimal erfolgen, die zweite allerdings schon mit etwas weniger Elan. Ein Gedanke tröstet uns dabei allerdings: bis

 

Tokaj kann man ohne lästiges Umtragen paddeln.

 

Im Sonnenlicht glitzernd liegt die Tisza vor uns. Hier ist sie noch schmal und teilweise auch sehr flach, bietet aber trotzdem die zum Paddeln nötige „Handbreit Wasser unter dem Kiel“. Nach einigen Kilometern hören wir es schon von weitem rauschen. Kurze Zeit später sehen wir auch den Grund: weiß schäumend stürzt sich der Túr über ein Wehr ca. vier Meter in die Tiefe, um danach in die Tisza zu münden. Dieser in der Gegend einzigartige „Wasserfall“ ist ein beliebtes Ausflugsziel der Ungarn. Dementsprechend herrscht hier an diesem heißen Sommertag viel Betrieb.

 

Der Campingplatz von Szatmárcseke lädt uns zum Verweilen ein. Sein Bufé hat sogar eine von Michaels Lieblingsspeisen auf der Karte: Hamburger nach ungarischer Art = eine normale Frikadelle mit Ketchup im Brötchen! Mal paddeln, mal treibend genießen wir die ruhige, wildbewachsene Flußlandschaft und beenden unseren ersten Tag auf einer der vielen schönen Sandbänke.

 

Unser kaloriensparendes Frühstück am zweiten Tag sorgt relativ schnell für knurrende Mägen, so daß wir uns genötigt fühlen, auf dem Campingplatz von Tivadar  in Sicht anzulanden. Ein  reichhaltiges zweites Frühstück stellt unser  Wohlbefinden wieder her und nach dem Auffüllen unserer Vorräte in dem nahegelegenen„Mini-ABC“ setzen wir satt und zufrieden unsere Fahrt fort.

 

                                                                                                                                    

 

Eine Baumleiche läßt schön grüßen...

 

Es ist einsam und die Stille förmlich spürbar.  Paddelnd ziehen wir am dicht bewachsenen Ufer und wunderschönen Sandbänken vorbei. In Gedanken versunken lassen wir uns, diese Ruhe genießend, in der flotten Strömung dahintreiben. Die Umgebung erweckt den Eindruck mitten in der Wildnis zu sein. Kein Motorengeräusch oder ähnliches stört diese Ruhe.

 

Jupp und Bärbel müssen aber erst einmal wieder überschüssige Energie abpaddeln, so daß sie schon weit voraus sind. Michael und ich lassen immer noch die Seele baumeln. Plötzlich ruckt es unter uns. Wir sitzen fest – auf der einzigen Baumleiche dieser Tour! Unserem eigensinnigen Canadier ist das gar nicht recht. Schlingernd und sich seitlich neigend macht er das auch deutlich. Trotzdem endet unsere Befreiungsaktion  ohne ökologische Wasseruntersuchungen, aber mit der Ruhe ist es erst einmal vorbei.

 

Heftiger Gegenwind sorgt für reichlich hohe Wellen und irgendwann auch für „lange Arme“. Froh darüber, daß der Campingplatz von Vásárosnamény nicht mehr weit ist, kämpfen wir uns durch. Laute Discomusik und ein sehr breiter Sandstrand vor dem Platz mobilisieren aber unsere letzten Kräfte und lassen uns schnell das Weite suchen. Bärbels nervöse Zuckungen (womöglich „Techno-Musik-Entzugserscheinungen“?) wohlweislich übersehend, ist sich die Mehrheit einig über den nächsten Lagerplatz: Sandbank! Natur pur!

 

 

 

Hochwasserwarnung!

 

Wir haben uns gerade auf einer solchen gemütlich niedergelassen und den Kampf gegen den Wind um das Feuer gewonnen. Gerade sind wir mit den Vorbereitungen für die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse beschäftigt, schreckt uns ein älterer Herr auf, der winkend und rufend auf uns zurudert. Das einzige, was wir verstehen, klingt  wie: „Tisza.... egy méter...!“. Der Rest geht  im Wind unter. Haben wir das richtig verstanden, die Tisza würde in den kommenden

 

Stunden um ungefähr einen Meter steigen?  Das Ansteigen des Wassers haben wir zwar schon bemerkt, aber so viel?

 

Der Schlaflosigkeit vorbeugend, setzen wir doch lieber die Zelte noch um und ziehen die Boote weiter an Land. Unser gestrecktes Stöckchen ist am nächsten Morgen vom Wasser weit umspült. Später erfahren wir, daß von einem Staudamm in Rumänien Wasser abgelassen worden ist.

 

 

 

Einkauf mit Hindernissen

 

Darauf bedacht, unsere Beinmuskulatur nicht zu vernachlässigen, legen wir zum Einkaufen an einer stillgelegten Fähre an – allerdings ohne die Mittagszeit zu beachten. Die Geschäfte haben gerade geschlossen, und so kehren unsere Einkäufer von ihrem langen Weg nur mit ein paar Kartoffeln zurück, dank einer hilfsbereiten Einheimischen, die den Weg zu einem Bauern gewiesen hat. Zumindest der Wettergott hat wohl Mitleid mit den hitzegeplagten Einkäufern, denn er schickt erst einmal ein paar dunkle Wolken und eine frische Brise zur Abkühlung.

 

Im nächsten Ort  (an der Fähre Benk) haben wir, was das Einkaufen (aber nicht die Entfernung) betrifft, mehr Glück. Auch hier zeigt sich die Hilfsbereitschaft der Ungarn: im Geschäft gibt es keine Äpfel, also schickt der Ladeninhaber seine Tochter zum Bauern, um welche zu holen. Schwer bepackt treten wir den etwa eineinhalb Kilometer langen Rückweg an, begleitet von der inzwischen wieder strahlenden, heißen Sonne. Der dabei entstandene Flüssigkeitsverlust muß natürlich vor dem Ablegen sofort wieder ausgeglichen werden. Noch ist das Bier schön kühl!

 

 

 

Wald in Flammen

 

Wieder liegen schöne Sandbänke an der Tisza, die immer wieder den dichten Uferbewuchs unterbrechen.  Einige sind von Kühen „besiedelt“, die sich ein erfrischendes Bad in der Tisza gönnen. Unsere Kommunikationsversuche, nehmen sie allerdings nur gelangweilt zur Kenntnis.

 

Die einsamen Sandbänke laden regelrecht zum Verweilen ein. Einer davon können wir schließlich nicht mehr widerstehen und schlagen unser Lager auf. Wie jeden Abend brennt das Feuer – nicht nur wegen der gemütlichen Atmosphäre, es wird abends ungemütlich kühl (untypisch für diese Jahreszeit!)–, und im Kessel darüber brutzelt traditionell ungarisch unser Abendessen. Wie die Ungarn schätzen wir auch deren Kesselgerichte, z. B. das „Lecsó“:

 

                >Öl im Kessel erhitzen,                                     

 

>Kolbasz (ungarische Wurst), kleingeschnittenen Knoblauch,            

 

>Zwiebelringe darin anbraten,

 

>Paprikastreifen, Tomatenstücke hinzufügen und alles ca. 15 – 20 Min. ziehen lassen,

 

> mit Salz, Pfeffer, Paprika oder Paprikacréme würzen.

 

Gemütlich an unserem Lagerfeuer sitzend, bietet sich uns an diesem Abend ein besonderes Schauspiel. Die untergehende Sonne taucht den gegenüberliegenden Wald in ein imaginäres Flammenmeer von rotorangen Farben.

 

 

 

Geleitschutz an der Grenze

 

Am nächsten Tag nähern wir uns wieder der ukrainischen Grenze. Jupps Wunsch, vielleicht doch einmal einen Fuß auf ukrainischen Boden setzen zu können, verhindert jedoch ein freundlicher Hinweis des ungarischen  Grenzsoldaten auf der Brücke: „Betreten des linken Ufers verboten! Ukraine!“. Zur „eigenen Sicherheit“  geleitet uns noch der ungarische Grenzschutz im Motorboot bis Zahony. Endlich wieder allein nutzen wir einige Kilometer hinter Zahony eine schöne Sandbank für unsere mittagliche Rast zum Essen, Dösen, Baden.

 

Steilufer unterbrechen nun ab und zu die urwüchsige Uferlandschaft der breiter gewordenen Tisza. Mit uns zufrieden treiben wir, Boot an Boot, an einer steilen Lößwand vorbei, die vielen Uferschwalben ein Zuhause bietet. Plötzlich bekommt Jupp seinen „Energieanfall“ : „So, wenn wir das Bier ausgetrunken haben, machen wir ’mal wieder einen Schlag!“  Michael, aufgeschreckt aus seiner augenblicklichen Lethargie: „So schnell trinke ich aber nicht!“  Jupp gibt sich damit zufrieden, aber aufziehende Wolken sorgen schließlich doch dafür, ein paar Schläge zu machen. Der befürchtete Regenguß bleibt aus, und die Wolken verziehen sich wieder.

 

Die Frage, ob wir heute einmal auf einem Campingplatz übernachten wollen, beantwortet sich von selbst, als wir den Platz von Tuszér begutachten: sehr klein, voll belegt, sehr harter, unebener Boden, Rückenschmerzen vorprogrammiert! Das brauchen wir nicht, also tanken wir nur Frischwasser und paddeln weiter. Zwischendurch füllen wir im Ort Tuszér noch unsere Vorräte auf und lassen schließlich auf einer Sandbank den Abend unter sternenklarem Himmel ausklingen.

 

 

 

Ziel in Sicht!

 

Während wir am nächsten Morgen noch beim Frühstück sitzen, lassen sich am oberen Waldrand ein paar Arbeiter gemütlich nieder. Wir fragen uns schon, auf was oder wen die wohl warten? Nach der Bewältigung des allmorgendlichen Chaos‘ wissen wir’s. Sie haben nur auf unsere Abfahrt gewartet. Kaum haben wir das Gepäck verstaut und die Boote zu Wasser gelassen, huschen sie wie emsige Ameisen über unseren verlassenen Lagerplatz. Schritt für Schritt suchen sie ihn nach eventuell zurückgelassenen Sachen  ab.

 

Mittags verdichteten sich die Wolken immer mehr, es wird immer dunkler. Als wir in Gáva anlanden, erwischt es uns. Der schon seit ungefähr seit zwei Tagen befürchtete Regenguß kommt herunter. Nach einer Stunde ist alles vorbei und wir können weiterpaddeln. Obwohl noch weit entfernt, macht sich die Staustufe von Tiszalök allmählich bemerkbar. Die Tisza wird immer breiter und träger. Trotzdem reicht es noch, ab und zu ohne Muskelkraft vorwärts zukommen. Angler an den Ufern und volle Strandbäder am Fluß weisen daraufhin, daß die Gegend immer dichter besiedelt ist. Leider hat das auch seine negative Seite: die Einleitung einer stinkenden, dunklen Brühe des Hauptkanals von Lónya in die Tisza - kurz vor Balsa.

 

Von Ferne grüßt uns schon der Tokajer Berg am Horizont. Er läßt zwielichtige Gefühle in uns entstehen. Es ist schön, etwas Vertrautes zu entdecken, andererseits kündigt er aber auch das nahe Ende unserer Tour an. Aber noch ist es nicht soweit, denn die „Fisch-Csarda“  von Balsa lohnt auf jeden Fall das Anlanden, deren Fischsuppe und Hechtgerichte sehr zu empfehlen sind.

 

Nach sechs Paddeltagen wollen wir eigentlich noch gar nicht in Tokaj ankommen, aber die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz verläuft ergebnislos. Das Frühjahrshochwasser hat alle Sandbänke auf dieser Strecke mit sich fortgerissen. In der anbrechenden Dunkelheit landen wir schließlich völlig erschöpft am Campingplatz „Pelcsösi“ in Tokaj an. Wie schön ist es doch, auch einmal wieder zu duschen – eben die Errungenschaften der Zivilisation zu genießen! Danach geht es uns wieder gut. Den Abend beenden wir schließlich im Ort in Micis kleiner Kneipe „Mühely Sörözö“ und stoßen mit einem kühlen Bier bzw. Wein auf die gelungene Tisza-Tour an.