NOCH EINMAL RUMÄNIEN – NOCH EINMAL MUREŞ

 

16. Juli – 02. August 2004

 

 

 

Start frei! Der Urlaub beginnt!

 

Das Auto ist vollgepackt mit allem, was man so braucht, und einen großen Vorrat an Rotwein, denn unseren Erfahrungen nach ist die Versorgung im Land damit etwas dürftig. Nachdem wir uns mit Susanne und Manfred sowie deren Hündin Adelheid (einer paddelerfahrenen Hundedame) getroffen haben, geht’s gemeinsam weiter.

 

Konnten wir im letzten Jahr dank zahlreicher Baustellen ausgiebig die bergige Landschaft Rumäniens betrachten, geht’s diesmal zügig bis Ungheni, kurz vor Târgu Mureş, voran, wo wir uns zunächst wieder im „Motel Darina“ einquartieren.

 

 

 

Besuch bei Graf Dracula

 

Die mächtigen Karpaten liegen hier fast vor der Haustür. Also was liegt näher, als die Chance zu nutzen, sie etwas zu erkunden, bevor wir diese Gegend im Boot hinter uns lassen. Es wird eine landschaftlich sehr schöne Tour, nur das Vorwärtskommen gestaltet sich schwieriger als erwartet. Daran sind nicht nur die streckenweise von Schlaglöchern übersäten Straßen schuld, deren Passieren  oft nur  mittels Zeichensprache möglich ist, sondern auch die zahlreichen Ortschaften. Freilaufende Kühe an den Straßenrändern tragen ebenso zur Langsamkeit bei wie die typischen, rumänischen Pferdefuhrwerke, die sich die Serpentinen hoch quälen.

 

Eines darf natürlich nicht fehlen: Ein Besuch bei der berühmtesten Gestalt der Karpaten. So zögern wir nicht lange, als wir bei Piatra das „Castel Dracula“ erblicken und kehren dort ein. Den Grafen treffen wir zwar nicht an, dafür genießen wir ein gutes Mittagessen im dortigen Restaurant.

 

Im romantischen Tal der Bistriţa geben wir der Beinmuskulatur noch einmal Gelegenheit, sich zu bewegen. Paddeltechnisch interessiert uns hier besonders, wie das urzeitlich anmutende Wehr zu umtragen ist. Fazit: Man sollte über gewisse Klettererfahrungen verfügen!.

 

 

 

Die ersten Hindernisse stehen schon im Weg                             

 

Nach der Bergtour beginnt heute unsere Flußtour. Knapp zwei Wochen Paddeln liegen vor uns. Ein letztes Mal genießen wir noch ein Frühstück in der Zivilisation, regeln die (immer noch kostenlose) Abstellung der Autos auf dem bewachten Motelparkplatz, bevor wir Boote und Gepäck zur Einsatzstelle ins 11 km entfernte Ogra transportieren.

 

Ein buntes Sammelsurium an Packsäcken, Tonnen mit Lebensmittel- sowie Weinvorräten wandert dort ans Ufer des Mureş. Die beiden jungen Roma, die derweil um die Standfestigkeit eines Waschbrettes im Fluß kämpfen, verfolgen voller Spannung unsere Aktivitäten und fragen sich insgeheim wahrscheinlich, ob das ganze Zeug in die beiden Canadier passt. Während Michael und Susanne den Beweis dafür antreten, fahren Manfred und ich die Autos zum Motel zurück. Da es inzwischen sehr warm geworden ist, genießen wir die Rückkehr im klimatisierten Taxi, dessen Fahrer uns gerne begleitet hätte.

 

Hinter Ogra windet sich der Mureş gemächlich an senkrecht abfallenden Sandwänden entlang. Sanfte Hügel und Weideflächen unterbrechen diese imposante Kulisse. An einigen seichten Stellen treibt die Hitze die Rinder ins kühlende Naß. Ihre interessierten Blicke motivieren uns, die Paddelfrequenz etwas zu erhöhen, um einer allzu herzlichen Begrüßung der kontaktfreudigen Tiere zu entgehen. Zu nahe kontakten möchten wir auch nicht mit einem verwesenden Pferdekadaver zwischen den Ästen eines am Ufer gestrandeten Baumes, dessen besondere Würze uns noch eine ganze Weile verfolgt.

 

In weiten Bögen geleitet uns die sanfte Strömung bis zur ersten Umtragestelle am Wehr von Iernut. Da die ehemals vorgelagerte Pontonbrücke nicht mehr existiert, landen wir ca. 100m vor dem Wehr links an. Nachdem die Bootswagen das erste Mal zum Einsatz kommen und ihre Arbeit verrichtet haben, marschieren Michael und Manfred los, um noch Brot und Mineralwasser zu besorgen.

 

Es dauert. Die Boote liegen direkt hinter dem Wehr längst schon wieder beladen im Wasser. Die Luft flimmert in der Hitze. Während die Einheimischen im Schatten ein Schwätzchen halten oder in der Sonne baden, warten Susanne und ich ungeduldig auf die Rückkehr unserer Steuermänner. „Wo wart ihr denn so lange? Der Laden liegt doch gleich um die Ecke.“ „Das Haus  ist auch noch da, aber das Geschäft existiert nicht mehr. Wir mussten bis zur nächsten Tankstelle laufen, um wenigstens Wasser zu kaufen.“ Nachdem die großen Flaschen in die gerade noch vorhandenen Lücken im Boot verstaut sind, setzen wir unsere Tour fort.

 

Schon sehr früh kündigt sich die nächste Herausforderung durch die großen Kühltürme des Wärmekraftwerkes am Horizont an. Aufgrund des Flussverlaufes kann man sie aus verschiedenen Blickwinkeln in der Ferne betrachten. Die Strömung wird zunehmend träger, und schließlich liegt die Wehranlage vor uns.

 

Direkt vor der Wehrmauer zerren wir alles den kleinen Trampelpfad am rechten Ufer nach oben, wo wir uner-

 

wartet Hilfe bekommen. Beherzt packt ein Angler unter den bewundernden Blicken seiner Familie mit an. Da

 

die Bootswagen hier nur bedingt einsetzbar sind, ist jede schleppende Hand äußerst willkommen. Hinter dem

 

Wehr geht’s ca. vier Meter steil abwärts zum Wasser. Hier gilt es, den Pfad zu finden, der einem die gering-

 

sten gymnastischen Übungen abverlangt, um wieder im Fluß einsetzen zu können.

 

Hin und wieder sehen wir Angler am Ufer sitzen, die ihrer geruhsamen Beschäftigung nachgehen. Stille umgibt uns, bis diese durch ein ungemütliches Grollen unterbrochen wird, dem ein kurzer Regenschauer folgt.

 

Nach den kleinen Stromschnellen hinter einer engen Rechtskurve wird es Zeit, nach unserem anvisierten Lagerplatz Ausschau zu halten. Leider hat der einst idyllische Platz durch einen radikalen Schnitt seinen Reiz verloren. Da er auch schon besetzt ist,  fällt es uns nicht allzu schwer, weiter zu suchen. Schon wird’s schwierig! Wohin man auch sieht: Steile Ufer, dichtes Buschwerk!

 

Endlich lichtet es sich etwas am rechten Ufer. Also nichts wie raus! Drei Meter oberhalb breitet sich eine Wiese aus und wir uns auf ihr. Nachdem unsere Zelte stehen, machen wir uns daran, unser Gepäck etwas zu dezimieren. Das Essen und den abendlichen Umtrunk haben wir uns heute mehr als verdient.

 

 

 

Unerwarteter Ballast     

 

Zieren bis zur Brücke der E60 immer wieder senkrechte Steilwände die rechte Flussseite, prägen nach Bogata Mureş sanfte, in Wellen verlaufende Wiesenhänge und ebene Weideflächen die Landschaft. Arrangiert man sich ein wenig mit deren Nutzern, hat man schöne Lagerflächen zur Verfügung. Während gestern selten ein Ort durch das Uferdickicht zu sehen war, schmiegen sich auf unserer heutigen Etappe zahlreiche, kleine Ortschaften in die Landschaft, durch die sich der Mureş in unzähligen Kurven schlängelt. Vereinzelt verbinden Gierfähren mit ihren tief hängenden Führungsseilen die Ufer.

 

Wiesenhänge weichen allmählich bewaldeten Hängen und kurz vor Luduş kommt Leben auf den Fluß. Große Aufmerksamkeit erregen wir bei den Kindern der Romasiedlung vor der Eisenbahnbrücke. Uns sehen und ins Wasser springen ist eins. Da sie Michael und mich nicht mehr erreichen können, schenken sie Manfred und Susanne ihre ganze Aufmerksamkeit. Bei so viel Zuneigung hat Adelheid selbstverständlich auch ein Wörtchen „mitzureden“. Ihre Argumente, dass wegen Überladungsgefahr keine Passagiere mehr an Bord genommen werden können, scheinen überzeugend zu sein. Von dem zusätzlichen Ballast befreit, folgen uns Susanne und Manfred unter dem passierbaren linken Bogen der Eisenbahnbrücke, hinter der der Piriu rechts in den Mureş mündet.

 

Weiter flussabwärts dreht sich die Zeit zurück. Die Frauen des Dorfes haben sich am Fluß versammelt. Es wird getratscht, gelacht und nebenbei die Wäsche gewaschen. Kinder tummeln sich quietschend zwischen Gänsescharen im Wasser, während die Kühe ihrer wiederkäuenden Beschäftigung nachgehen und alles im Blick haben.

 

Kurz danach bringt uns das Kraftwerk von Luduş wieder in die Gegenwart zurück. Wieder hieven wir alles rechts die Böschung hoch. Nachdem die Bootswagen abfahrbereit sind, ziehen  bzw. zerren wir mit hohem Flüssigkeitsverlust die schwer beladenen Canadier ca. 900m über die holprige Wiese, um danach alles wieder hinunterzuschleppen.

 

Das Ufer wird durch dichten Bewuchs wieder unzugänglicher. Die wenigen gestrüppfreien Stellen garantieren jedem, der will, eine Gratis-Schlammpackung. Glaubt man, fernab der Zivilisation zu sein, stößt man doch immer wieder auf dessen Spuren in Form von Rohrleitungen oder Brücken, die über den Fluß führen. Es ist heiß, und wir freuen uns schon auf ein kühles Bier am Kiosk von Cheţani. Zu  früh gefreut! Der Laden ist dicht. So haben wir auch keinen Grund, unser Nachtlager hier aufzuschlagen.

 

An den Ausläufern des kleinen, „faltigen“ Höhenzuges hinter Cheţani finden wir einen schönen Lagerplatz, von dem der Blick weit in die Landschaft bis zu den Waldkarpaten reicht. Als ein Gewitter über uns hereinbricht, liegen wir schon längst in den Zelten, so dass uns das nicht sonderlich stört. Im Gegenteil – der Mureş könnte durchaus etwas mehr Wasser vertragen!

 

 

 

Badetag der nicht ganz freiwilligen Art

 

Strahlender Sonnenschein am Morgen lässt schon vermuten, dass es wieder sehr heiß werden wird. Begleitet von einem 10-11jährigen Jungen, der nichts außer einem Stock bei sich trägt, trottet eine Rinderherde im Hinterland auf ihre Weidefläche. Zunächst hält sich der kleine Cowboy noch in respektvoller Entfernung, bis doch die Neugierde siegt und er sich in unsere Nähe wagt. Fasziniert wandert er um die Boote herum, bleibt stehen und streicht ehrfurchtsvoll über die Süllränder. Selbst die Fremden gegenüber misstrauische Adelheid akzeptiert nach einer Weile seine Anwesenheit.

 

In einer der Linkskurven behindern herausragende Äste etwas unsere ansonsten recht gute Bootsführung, aber

 

auch der Rückwärtsgang im Canadier wird noch beherrscht. Manfred scheint eine andere Variante vorgezogen zu haben, wobei auch gleichzeitig das Problem der Müllentsorgung erledigt sowie das Boot einer Innenreinigung unterzogen wird.

 

Wir paddeln an einigen Ortschaften vorbei. Rechts mündet der Aries in den Mureş und bald danach hört man ab und zu ein Tosen in der Ferne, welches das hinter einer Insel gelegene Naturwehr ankündigt. Kurz vor der bei den Einheimischen beliebten Kaskade, steigen wir am rechten Ufer aus. Die hohen, schattigen Bäume  sind uns höchst willkommen für eine kleine Rast, um der Mittagsglut eine Weile entfliehen zu können. Etwas erholt kurven wir anschließend unsere Utensilien übers Werksgelände bis hinter die zweite Felsstufe, deren vorgelagerter Schrott der Fahrbarkeit bei dem derzeitigen Wasserstand eher abträglich ist. Bequem lassen sich die Boote im seichten Wasser wieder beladen, und wir paddeln auf dem sehr breit gewordenem Mureş zur linken Flussseite hinüber.

 

Jetzt ist Beinarbeit gefragt. Die – wörtlich zu nehmende – Wanderstrecke über die geriffelten,  glitschigen Felsplatten des Flussgrundes liegt vor uns. Nach wenigen Metern zwängt sich ein Schwall durch eine enge Felsspalte, die wir uns vorsichtshalber vorher genauer ansehen wollen, da in diesem Jahr weniger Wasser durchfließt. Langsam taste ich vorwärts, das Wasser strömt noch relativ ruhig. Ohne ein sichtbares Anzeichen zieht mich ein heftiger Sog nach unten. Kaum hat mich der Schwall wieder ausgespuckt, taucht Michael, der mir helfen wollte,  neben mir auf.

 

Dann hab’ ich nur noch einen Gedanken: „Wo ist das Boot?“ „Da oben!“ Ich traue meinem verschwommenen Blick kaum, aber es ist wirklich wahr. Es thront mit Heck und Bug über dem Schwall auf den beiden Felsblöcken, die diesen begrenzen. Was nun? Wie kriegen wir das Boot von den Fel-en? Michaels Ruckeln bewegt den Canadier, so daß er sich nicht mehr lange halten läßt. Alle stürzen mehr oder weniger zum Boot, um zu ziehen. Und es klappt! Wir können es in Sicherheit bringen und über den kleinen, neben liegenden Felsensprung hieven.

 

Heute bleibt uns aber auch nichts erspart. Über die nächste Felsstufe strömt zu wenig Wasser, so dass wir auch diese über einen Weg am linken Ufer ungefähr drei Meter oberhalb des Flusses umtragen müssen. Da die heutige Etappe genug Aufregungen gebracht hat, suchen wir uns bald danach einen Lagerplatz  am linken Ufer.

 

 

 

Rinder haben Vorfahrt 

 

Bleiernde Schwüle begleitet schon vormittags unseren Aufbruch. Selbst den Uferschwalben scheint die Luft zu „schwer“ zu sein. Obwohl zahlreiche Löcher an den sandigen Ufern auf deren Behausungen hinweisen, lässt sich keiner der Bewohner blicken. Mit zunehmender Strömung windet sich der Mureş in weiten Bögen vorbei und teilt sich kurz darauf in zwei Arme. In zügiger Fahrt führt uns der Strom an dem aufgeschütteten Kiesdamm vorbei durch eine S-Kurve, hinter der sich einige Baumleichen abgelagert haben. Da der Fluß breit genug ist, braucht es keinerlei großartiger Manövriertechniken, um sie zu umkurven.

 

Die beiden folgenden Felsstufen erweisen sich als paddlerfreundlich. Die erste können wir rechts fahren, die zweite im halblinken Bereich. Als wir an der kleinen, auf der linken Anhöhe gelegenen Burg vorbeipaddeln, schallt es „Kaskade! Kaskade! Barrage!“ zu uns herüber. Die „Barrage“ aus großen Felssteinen und undefinierbaren Bauschutt lässt sich am rechten Ufer auf kurzem Wege umtragen.

 

In Relation zum Anstieg der Sonneneinwirkung steigt auch der Verbrauch unserer flüssigen Vorräte, so daß wir vor der Straßenbrücke von Ocna Mureş anlanden. Im nahe gelegenen Magazin wechseln 18 große Flaschen Wasser, drei eisgekühlte Flaschen Limonade, zwei Brote sowie 406.000 Lei den Besitzer. Die Auffüllung unserer Frischwas-sersäcke erfolgt wie bereits im letzten Jahr als Serviceleistung.

 

Während unserer Weiterfahrt verdichtet sich die Wolkendecke immer mehr. Auch der auffrischende Wind verspricht nichts Gutes. Noch weit von uns entfernt jagt in den Bergen bereits ein Gewitter das nächste. Bei der  nächstbesten Möglichkeit steigen wir aus, bevor das Unwetter über uns hereinbricht.

 

Kräftige Windböen versuchen immer wieder, unseren mühseligen Tarpaufbau zu torpedieren, aber die belasteten Abspannungen halten. Da hocken wir nun auf der kargen Kiesbank inmitten des Gewitters und warten. Eine Stunde vergeht, es schüttet, es donnert, es blitzt. Eine weitere Stunde vergeht, bis sich die Welt um uns herum wieder beruhigt und unsere Canadier eher als Swimmingpool zu gebrauchen sind. Schließlich hat alles wieder seine Ordnung, doch die Freude am Paddeln währt nicht lange. Der Regen hat sich nur eine kleine Atempause gewährt, bevor er wieder richtig loslegt und zwar der-maßen heftig, dass wir unser Heil unter den Bäumen am Ufer suchen.

 

Endlich ist es vorbei! Die große Flussschleife führt um das Gebiet von Ocna Mureş herum. Vom linken Ufer grüßt uns eine blendend weiße Kirche. Die sandigen Ufer werden zunehmend steiler, Wälder schieben sich allmählich näher an den Mureş heran. Zügig treibt uns dessen Strömung voran..

 

Plötzlich heißt es: „Abbremsen!“ Vor uns macht sich eine Rinderherde bereit, die Uferseite zu wechseln, wobei ihnen das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht, während sie gemächlich hintereinander durch die Furt trotten

 

Eine Felsstufe unterbricht noch unsere Tour. Von dem ehemals vorgelagerten Kiesdamm ist nur noch ein Rest übrig. Der Gefahr vor-beugend, dass sich unsere langen Boote in dem dahinter liegenden, fast rechtwinklig verlaufenden Schwall verkanten, werden sie von den vereinten Manneskräften nahe des  rechten Ufers über die scharfkantigen Steine gehoben.

 

Ohne Donnergrollen geht heute anscheinend nichts mehr. Es begleitet uns auch während unserer Suche nach einem Lagerplatz. Ein wenig einsichtig zeigt sich aber dennoch der Wettergott. Er beglückt uns erst wieder mit einem kühlen Guß nach dem die Zelte stehen.

 

 

 

 

 

Gemütlicher Tagesbeginn        

 

Ein ausgiebiges Frühstück lässt uns morgens fast die Zeit vergessen. So ist es fast Mittag, als wir vom Ufer ablegen und über einige muntere Stromschnellen auf die Straße der E81 zu paddeln. In einer Linkskurve wendet sich der Fluß wieder von der Straße ab. Zwischen Bäumen und Büschen zeugen vor und hinter einer neuen Straßenbrücke noch Reste der ehemaligen Bauwerke, welche einst die Dörfer verbanden.

 

Das Wehr von Ciumbrud liegt vor uns, über das die von ihrer Buglast befreiten Boote an der linken Seite getreidelt werden können. Mehr oder weniger leichtfüßig transportieren wir anschließend die ausgeladenen Sachen auf dem Trampelpfad des riesigen Erdwalls, der den eigentlichen Weg verschüttet, zu den wartenden Booten. Diese ungastliche Stätte schnell hinter uns lassend, suchen wir uns erst einmal ein Plätzchen zum Verweilen. Aktiven Phasen müssen Phasen der Entspannung folgen, wozu selbstverständlich auch das obligatorische Gläschen Rotwein gehört. Erholt paddeln wir bis zur Brücke vor Ciumbrud, um in dem Ort einzukaufen. Auf unserer weiteren Tour beobachten wir etwas besorgt die nah über dem Wasser schwebenden Uferschwalben. Deren Verhalten in Verbindung mit der feuchtschwangeren Luft lassen uns nichts Gutes ahnen.

 

Auf der Suche nach einem Lagerplatz, erreichen uns gestikreiche Zurufe vom gegenüberliegenden Ufer: „Camping! Camping!“ Im Vertrauen auf die Ortskenntnisse der Einheimischen paddeln wir weiter. Tatsächlich lädt hinter der nächsten Kurve eine große, schöne Wiesenfläche am linken Ufer zum Bleiben ein, aber wie so oft müssen wir sie mit tierischen Hinterlassenschaften teilen. Im Dunkeln sollte allerdings eine Taschenlampe der ständige Begleiter sein. Noch sind die „Tretminen“ knochen-trocken, doch das Gewitter lauert bereits darauf, diese aufzuweichen.

 

 

 

Flucht in den Schatten                                                                     

 

Nach dem abendlichen Gewitter jagt die Sonne die Temperatur wieder unerbittlich nach oben. Auch auf dem Fluß ist es kaum kühler. Am linken Ufer bereiten sich die weidenden Kühe auf ein frisches Bad vor – genau dort, wo wir die erste Felsstufe fahren können. Michael und ich kommen noch ungeschoren an den Tieren vorbei und durchfahren die zweite Felsstufe in der Mitte des rechten Flußdrittels, um danach im Kehrwasser auf Manfred und Susanne zu warten. Die kommen aber erst, nachdem sie ihre Technik im Slalomfahren verfeinert haben, wozu ihnen die Vierfüßer die optimalen Bedingungen geliefert haben.

 

Abwechselnd begleiten offene, weite Täler, mit Blick auf die hohen Berge der Karpaten in der Ferne, und eng bewaldete Höhen die Windungen des Flusses. Baumleichen verengen immer mal wieder das Flussbett, lassen sich aber leicht in der zügigen Strömung umkurven. Heute ist Sonntag, schönes Wetter – dementsprechend belagert sind auch die schönen Plätze am Mureş wie z. B. der von großen Bäumen beschattete Platz vor den beiden Brücken von Teius. Nach einer Inspektion der Eisen-bahnbrücke, fahren wir den kleinen Schwall im linken Bogen und haben freie Fahrt unter der folgen-den Straßenbrücke.

 

Links mündet der Tiernarva in den Mureş. Da der Magen inzwischen „Hunger!“ signalisiert, suchen wir uns bald danach ein schattiges Plätzchen. Aber auch ohne diese Signale vergeht der Nachmittag nicht ohne weitere Schattenpausen. Nach einer Fußgängerhängebrücke zieht sich eine Felsstufe schnurgerade von einem zum anderen Ufer, deren Umtragen die schlechtere Alternative wäre. Also fahren wir so weit wie möglich vor und suchen uns den besten der kleinen Schwälle aus, der uns ohne „Feindkontakt“ durch die Flussbarriere zieht.

 

Eigentlich wollen wir auf dem dahinter liegenden Lagerplatz am rechten Ufer unsere heutige Etappe beenden – aber wie schon erwähnt: Es ist Sonntag... Zum Glück! Kaum haben wir wieder abgelegt, ist eine Rinderherde im Anmarsch, um diesen Platz zu beanspruchen. Also paddeln wir weiter  und lassen uns irgendwann am linken Ufer nieder.

 

 

 

Geheimnisvolles Funkeln in der Dunkelheit                                                                             

 

Unser Weinvorrat nimmt furchterregend ab. Höchste Dringlichkeitsstufe hat deshalb die Bevorratung des abendlichen Absackers. Zwecks dieser Maßnahme landen wir hinter der Brücke von Teleac an.

 

Teleac, das kleine Dorfjuwel, verbreitet einen gewissen Charme mit seinen hübschen Vorgärten, Obstbäumen und Blumenrabatten vor den Zäunen. Man muß auch hier sehr genau hinsehen, um den Dorfladen zu erkennen. Große Geschäftsschilder sucht man in den Ortschaften am Mureş vergebens. In der Regel weist nur eine geöffnete Tür mit flatternden Plastikbändern auf ein Lebensmittelgeschäft hin. Pálinca, kalte Limo, Schafskäse sowie einige frische Köstlichkeiten wie Tomaten und Paprika wandern in unsere Taschen und wir damit wieder zurück zu den Booten.

 

Zahlreiche Brücken überspannen den Fluß, der in einer großen Schleife um das in einem weiten Tal gelegene Stadtgebiet herumströmt, an dessen Ende eine Eisenbahnbrücke den Mureş überquert. Bagger schaufeln eifrig den groben Flusskies zu Dämmen im Wasser auf. Wir haben unseren Spaß an diesen künstlich geschaffenen Engstellen. Körpereinsatzschonend geht es flott hinab. Bei der Hitze, die jenseits der Wohlfühltemperatur liegt, eine willkommene Abwechslung! Sandsteilwände, Bergketten und hügelige Weiden begleiten den Flusslauf. Gierfähren und etwas entfernt liegende Häuser weisen auf Ortschaften hin, im Hintergrund erheben sich die Waldkarpaten. Erschöpft von der anhaltenden Hitze kommt uns eine große Kiesbank vor dem rechten Ufer gerade recht, um dort unsere Zelte aufzuschlagen.

 

Die hereinbrechende Dämmerung bringt allmählich angenehmere Temperaturen. Als das Zwielicht der Dunkelheit weicht, fühlen wir uns plötzlich beobachtet. Zwei funkelnde Punkte leuchten vom gegenüberliegenden Ufer auf. Ein Blick durchs Fernglas offenbart einen kleinen Fuchs, der dort drüben am Gebüsch entlang streift. Im Vertrauen auf die natürliche Grenze zwischen uns und natürlich auf Adelheids Wachsamkeit kriechen wir später trotzdem unbesorgt in unsere Zelte.

 

 

 

Es gibt sie doch: Noch andere Paddler auf dem Mureş!                                                                           

 

Bevor wir heute aufbrechen, versorgen wir uns noch in dem hinterm Damm liegenden kleinen Dorf mit frischem Brot. Die freundliche Verkäuferin sowie die im Laden sitzenden Einheimischen zeigen sich sehr interessiert daran, was  Susanne und ich hier machen, ob wir alleine reisen und woher wir kommen. Mit den besten Reisewünschen versehen, machen wir uns wieder auf den Rückweg.

 

Ebenso abwechslungsreich wie die Landschaft gestalten sich die Wetterverhältnisse. In der anhaltenden Schwüle der letzten Tage ist es deshalb nur eine Frage der Zeit, wann das Wetter umschlägt. Scheint anfangs noch die Sonne, versinkt die Welt mittags in tristes Einheitsgrau. In den wandernden Dunstschwaden verschwinden die Berge, um danach für kurze Zeit wieder aufzutauchen und abermals zu versinken, bevor der Himmel seine Schleusen öffnet.

 

Während wir bei einer Regenpause auf einer kleinen Kiesbank unterm Tarp hocken, wächst ein kleiner, sprudelnder Bach stetig an und ergießt seinen Inhalt immer heftiger in den Mureş. Zwei Angler, von der Nässe scheinbar völlig unbeeindruckt, gehen trotz alledem ihrer Beschäftigung nach. Und dann trauen wir unseren Augen kaum. Es kommen tatsächlich Paddler den Mureş herunter. Eifrig winken wir uns zu, aber leider klappt es nicht mit einer Verständigung. Regen hin, Regen her. Irgendwann müssen wir weiter, bevor das Gemüt ganz in den Keller gerutscht ist.

 

Wir manövrieren um einzelne Baumleichen herum, freuen uns über einige Stromschnellen und paddeln an Flussinseln vorbei, die aufgrund ihres Bewuchses nicht zum Lagern geeignet sind. Eine Halbinsel am linken Ufer - durch einen aufgeschütteten Kiesdamm mit dem Festland verbunden - wird unser heutiges Nachtquartier. Die an für sich optimale Fläche zur Tarpaufspannung, etwas erhöht unter einer uralten Eiche, erweist sich später als gar nicht mehr so optimal, als eine Gewitterfront heranrückt und uns richtig zeigt, was sie draufhat. Es rauscht, hämmert und blitzt über unseren Köpfen, so dass wir fluchtartig den Platz verlassen. Verfangen in den umliegenden Bergen, gestaltet sich ein Wettstreit mehrerer Gewitter bis spät in die Nacht hinein aus.

 

 

 

Erfahrungsaustausch                                                                   

 

Anhaltender Regen dämpft morgens gewaltig die Motivation, aus den Zelten zu kriechen. Dieser Trödelei verdanken wir ein Treffen mit den gestrigen Paddlern - Ungarn auf dem Wasserweg nach Szeged. In Erinnerung an die Muresbefahrung seines Urgroßvaters vor 100 Jahren von Reghin nach Szeged – wie uns der  Organisator Dr. László Szabó wenig später berichtet. Der Hauptzweck dieser kleinen Expedition beinhaltet die Vermessung des Flusses, die Beurteilung seiner Wasserqualität sowie seine Nutzung für die Erschließung des Tourismus zu erkunden. In diesem Sinne arbeiten beide Länder bzw. die betroffenen Kommunen und die Medien eng zusammen. Jetzt wundert uns nicht mehr, dass uns Rumänen manches Mal für Ungarn hielten oder uns begeistert „Radio Budapesti!“ zuriefen.

 

Die Wolkendecke lässt der Sonne zwar keine Chance, einmal durchzusehen, aber für den Rest des Ta-ges bleibt es wenigstens trocken. Weite Kurven und kleine Windungen wechseln sich ab, führen an offenen Tälern entlang, dessen Horizont die gebirgigen Regionen der Karpaten begrenzen. Nach einem scharfen Linksknick  verdeckt ein langgezogener Bergrücken am rechten Ufer den Blick in die Ferne. Hinter dessen Ausläufern überspannt die Brücke von Gelmar den Mureş, wo wir zum Einkaufen am linken Ufer hinter der Brücke anlanden. Hier wird fleißig an der Erweiterung der Restaurant-Terrasse gebaut, die uns bereits im letzten Jahr angekündigt worden war.

 

Gut versorgt, tauchen wir wieder in die Stille und Einsamkeit der Flußlandschaft ein, um uns der meditativen Faszination des Wassers zu überlassen. Nur eine Seilfähre erinnert daran, dass wir nicht fernab jeglicher Zivilisation sind.

 

 

 

Das größte Hindernis, der weiteste Weg, der längste Tag und ein interessanter Abend

 

Den Tag mit Sonnenschein zu beginnen, macht doch alles leichter! Es ist einfach schöner, im Sonnenschein anstatt unter einer dicken Wolkendecke zu frühstücken. Zudem lässt sich alles trocken einpacken. Keine überall lauernde Feuchtigkeit begleitet unsere weitere Paddelei, die uns an dem prägnanten „Tafelberg“ vorbeiführt. Wenig später passieren wir die Brücke von Simeria.

 

Als sich der Mureş in mehrere Arme teilt, halten wir uns an den rechten Seitenarm, dessen Strömung zügig durch die Windungen fließt. Nach der Wiedervereinigung zeigt ein Blick zurück, dass die Pontonbrücke im linken Arm immer noch zum Umtragen auffordert. In weiten Schleifen schlängelt sich der Mures um das große Tal , in dessen Kessel sich die Stadt Deva ausbreitet. Auf dem vorgelagerten Hügel thront noch die Ruine der einst wachsamen Burg. Nach der Brücke der Straße E79 kündet eine halbe, anscheinend nur noch vom Rost zusammengehaltene Eisenbahnbrücke von der einstigen Streckenverbindung. Hier treffen wir auch die „Remember-Tourer“ wieder, die gerade vom Ufer ablegen. Ein kleines Schwätzchen, schon treiben sie ihre Boote eiligst an und sind bald unseren Blicken entschwunden. Wie gut, dass uns niemand erwartet! Wir können es auch mal genießen, uns einfach treiben zu lassen.

 

Damit ist es aber auch bald vorbei. Breit wird der Fluß. Antreibende Muskelkraft wird zusehends gefragter. Je mehr die Strömung ihre Geschwindigkeit einstellt, desto mehr scheint sich die Sonne anzustrengen – und dass vor der Herausforderung des Tages, den langen Marsch um das Wehr von Mintia/ Deva.

 

Als sich vor uns das größte Wärmekraftwerk des Flusses auftürmt, paddeln wir auf dem seeartig wirkenden Mureş auf die rechte Seite hinüber, um dort frühzeitig vor dem Schilfgürtel und der steilen Ufermauer anzulanden. Endlich liegt alles an Land, noch eine kurze Erholungspause im spärlichen Schatten, dann geht’s mit Schwung zur Straße hinauf. Über diese zieht unsere kleine Karawane einen knappen Kilometer bis zur flachen Einsatzstelle hinter der mächtigen Wehranlage.

 

Das Tal schließt sich, und der Mureş wendet sich wieder zügig den Bergen zu. Am rechten Ufer fristet immer noch die ausrangierte Seilfähre ihr Dasein. Unseren anvisierten Lagerplatz am linken Ufer anzufahren, verhindert die  hohe Strömungsgeschwindigkeit des Flusses. Dann geht die Suche los. Hinter jeder Flußbiegung hoffen wir, eine Lagermöglichkeit zu finden. Nichts als Uferdickicht, hohe Ufer und Schlamm, wohin man auch sieht. Ab und zu blitzen Maisfelder durch das Gebüsch. Langsam schwinden die Kräfte und auch Adelheid verlangt es immer drängender nach festem Boden unter ihren vier Füßen.

 

Endlich die Brücke der E68! Dahinter flaches Land am rechten Ufer! Stürmisches Heranwinken der dort lagernden ungarischen Paddler! Dem kommen wir nur allzu gerne nach. Kaum zu Atem gekommen, werden wir schon vom rumänisch-ungarischen Begrüßungskomitee umringt und herzlich mit den Landesspezialitäten Nuß-Strudel und Ţuica  (der hausgebrannte Pflaumenschnaps mit entsprechender „Drehzahl“!) willkommen geheißen. Inzwischen hat sich die Truppe um eine Gruppe von Studenten der Universität Szeged erweitert, die sich hier unter Leitung ihres Professors angeschlossen haben.

 

 

 

Eintritt ins Gebirge     

 

Gerade als wir unsere Siebensachen zusammenpacken, schickt uns Petrus einen kurzen, feuchten Gruß von oben. Während der Teil der ungarischen Paddler, deren Gepäck über Land transportiert wird, schon längst wieder ihrem nächsten Ziel entgegenstrebt, sind die Gepäck-Paddler ebenfalls noch mit dem Abbau ihres Lagers beschäftigt. Gegen Mittag legen wir unter deren Abschiedswinken ab und vertrauen uns wieder dem Mureş an. Die zunehmende Tendenz seines Wasserstandes kommt seiner Strömungsgeschwindigkeit zu gute und somit auch uns. Zügig paddeln wir unter den Wolken, zwischen denen sich ab und zu mal die Sonne zeigt, an den Ortschaften Ilia und Gurasada vorbei. Ab und zu zeigt sich die unschöne Seite der Zivilisation anhand von Plastikflaschen, die sich vor dem Gestrüpp im Wasser ansammeln.

 

Das Landschaftsbild verändert sich. Bewaldete Berge verdrängen wieder die Weideflächen und sanften Hügel. Mit dem Näherrücken des hohen Waldes verengt sich der Fluß, die Strömungsgeschwindigkeit nimmt zu. Schließlich windet er sich dort entlang, wo er sich vor vielen Jahrhunderten seinen Weg durch die Berge geschaffen hat. Der Mureş führt z. Zt. soviel Wasser, dass der links liegende Granitfelsen im Durchbruch gerade mal mit seiner Spitze aus dem Fluß herausragt. Von den Steinen im Wasser ist nichts zu spüren, die Stromschnellen sind verschwunden. Kein Gestrüpp, keine Baumleichen geben Anlaß zu Überlegungen, welche Route wohl die Beste wäre.

 

Schöne Lagerplätze laden in dieser Gegend zum Verweilen ein. Kurz hinter dem Durchbruch landen wir an einer, am Bach gelegenen, idyllischen Wiese an. Bevor wir ernsthaft mit den Lagervorbereitungen beginnen, ist erst einmal Siesta angesagt. Stühle raus, Gläser raus, Wein genießen, entspannen, warten, bis es etwas kühler wird. Hinter uns zieht eine glöckchenbimmelnde Ziegenherde entlang, dessen schwerfällig hinterher zockelnder alter Bock irgendwie Adelheids Unmut erweckt.

 

Etwas entfernt lässt sich ein Mann in Begleitung einiger Kinder zum Angeln nieder. Von ihm erfahren wir von den verheerenden Regenfällen in den östlichen Karpaten, wo ein zum reißenden Strom gewordener Gebirgsbach Häuser, Menschen und Vieh mit sich gerissen hat. Uns wird dabei etwas mulmig, aber er meint beruhigend, das wäre sehr weit weg.

 

Meine kleine Erkundungstour führt mich stromabwärts an Zwetschgenbäumen vorbei, über eine kleine, versteckt liegende Wiese auf einen sanft ansteigenden Hügel, der steil zum Fluß abfällt und einen herrlichen Panoramablick über die umliegenden Waldkarpaten bietet. Zur Flußseite ragt eine kleine, kreuzgeschmückte Plattform heraus, die mir von unserem Lagerplatz aus ins Auge gefallen ist.

 

 

 

Bilaterale Zusammenkunft

 

Böse Aussichten erwarten uns am Morgen. Dunst, wohin man sieht. Die Welt um uns herum zeigt sich mal wieder im tristen Grau. Kaum sind wir auf dem Wasser, macht einsetzender Regen alles noch grauer. Die wassergefüllten Wolken werden zwischen den Bergen festgehalten, entleeren sich regelmäßig über uns, um sich durch den aufsteigenden Dunst erneut zu füllen. In diesem Teufelkreis stecken wir mittendrin. Haben wir vor kurzem noch unter der Glut der Sonne gestöhnt, wünschen wir sie uns jetzt zurück – nur nicht ganz so heiß!

 

 

 

Keine Menschenseele begegnet uns, nicht einmal ein Angler. Selbst die Arbeiten an der neuen Straßenbrücke bei Zam sind eingestellt. Auch die schönen Lagerplätze, die ab und zu die Büsche am Ufer auflockern, haben ihren Reiz verloren. Durch den steigenden Wasserstand lässt sich die vor uns liegende Felsstufe rechts fahren. Die Steine unter der folgenden Brücke sind völlig abgetaucht. Sorgen bereiten uns nur noch die Gierfähren bzw. deren tiefhängenden Führungsseile. Dementsprechend vor-sichtig nähern wir uns der nächsten Seilfähre. Entwarnung: Alle Seile sind hochgezogen.

 

Etwas nervös macht uns noch, dass wir lange Zeit keine Häuser mehr gesehen haben. Wir müssen dringend unsere Vorräte auffüllen. Bei den ersten Anzeichen einer bewohnten Gegend  versuchen wir unser Glück, doch Michael und ich kehren aus dem fast ausgestorbenen Dorf unverrichteter Dinge zu-rück. Dafür klappt es im nächsten Dorf, in Vărădia, welches gut 1,5 km vom Fluß entfernt liegt. Die Geschwindigkeitsgrenzen innerhalb der Ortschaften scheinen insbesondere für Lkw-Fahrer nicht zu gelten. Im Gegenteil, die Fußgänger springen eiligst zur Seite, um deren freie Fahrt nicht zu behindern. Um unsere Einkäufe heil zu den Booten zu bringen, passen wir uns diesem Verhalten selbst-verständlich an.

 

Regen, Regen, Regen ... und kein Ende abzusehen. Vergebliche Versuche, einen vernünftigen Lagerplatz zu finden, bestimmen den restlichen Tagesverlauf. Eine Wiese an der Fähre von Bata ist der einzige Lichtblick. Es folgt eine

 

gestikreiche Absprache mit dem Fährmann, der uns von der großen Wiese abrät und uns eine neben dem Fährhaus gelegene Wiese zuteilt. Gastfreundlich bietet er uns auch seine Hütte an und macht uns darauf aufmerksam, daß es im Dorf ein Magazin (Lebensmittelgeschäft) gibt.

 

Alles ist fertig. Erschöpft lassen wir uns unterm Tarp nieder, woraufhin unser Fährmann sofort zum Einkaufen parat steht. Also marschiere ich mit ihm los. Stolz präsentiert mein Begleiter die frisch renovierte Kirche – „Katholica!“ wie er betont. Weiter geht’s durch den Schlosspark, dessen verlas-senes Schloß von besseren Zeiten nur noch träumen kann, bis zum großräumigen Magazin, inklusive einer Bar.

 

Als wir wieder zurück sind, kommt Leben in unsere Umgebung. Nach und nach füllt sich der Platz mit Dorfbewohnern, um das  Vieh (Pferde, Kühe, Gänse) heim zu holen. Und wo trampelt die Rinderherde lang? Voll über die große Wiese! Eine Gänseschar nach der anderen watschelt vom Wasser hoch. Nur das letzte weißgefiederte Grüppchen traut sich nicht an uns vorbei. Aufgeregt mit den Flügeln schlagend begibt es sich lieber wieder in sichere Gefilde. Selbst einem alten Mütterchen gelingt es nicht, sie zum Heimkehren zu  be-wegen. Da wir an dieser Situation nicht ganz unschuldig sind, versucht sich Michael als „Gänseliesel“ und befördert damit ungeahnte Talente ans Tageslicht.

 

Und dann geht’s rund. Unser Fährmann Toni gesellt sich nach unserer Einladung zu uns, verschwindet aber bald wieder, um mit deutsch sprechender Verstärkung wiederzukommen. Wie es der Zufall will, besucht gerade ein in Wien lebender Rumäne seine Familie im Dorf. Es wird eine lange Nacht, reichlich versetzt mit Pálinca und einheimischen Ţuica sowie einiger Wurstkostproben.

 

 

 

Startschwierigkeiten                                                                    

 

Der Morgen danach: Rauschrhythmusstörungen, verlangsamter Bewegungsablauf, die klare Sicht ist noch nicht wieder ganz hergestellt. Vielleicht liegt das auch an den grellen Sonnenstrahlen, die der letzten Feuchtigkeit den Garaus machen? Trotz der erschwerten Bedingungen schaffen wir es, unser allmorgendliches Chaos zusammenzu-packen, um es anschließend ordentlich in den Canadiern zu verstauen. Ein  nochmaliges Dankeschön für die freundliche Aufnahme an Toni, unserem auch noch nicht so frisch wirkenden Fährmann, ein letzter Händedruck, dann legen wir ab. Fast von ganz allein bringt uns die Strömung flott voran, was unserer augenblicklichen Verfassung sehr entgegen kommt.

 

Zum Rasten steuern wir die ehemals große Insel an, wo immer noch der eingesunkene Bagger langsam vor sich hin rostet. Inzwischen liegt etwa die Hälfte der einstigen schönen Lagerinsel unterhalb des Wasserspiegels.

 

Allmählich neigt sich unsere Kanutour dem Ende zu. Zwischen uns und Lipova liegt jetzt nur noch die Felsstufen-Strecke, wovon die erste gleich hinter der Insel links gefahren werden kann und bei dem derzeitigen Wasserstand kaum zu spüren ist. Übrigens haben wir in diesem Jahr frei Fahrt durch die sanft strömende S-Kurve. Keine gefällten Bäume verengen den Fluß. Ebenso hat sich die Landschaft wieder erholt, nur noch einige verkohlte Baumstämme weisen noch auf die letztjährige Verwüstung hin.

 

 

 

Als sich die Burgruine kurz vor Radna am Horizont des rechten Ufers erhebt, sind wir fast am Ziel. Doch die letzten Meter verlangen nochmals unsere volle Konzentration, da manches Mal die optimale Paddelroute schwer zu erkennen ist. Durch die Überspülung der Inseln verzweigt sich der Mureş in zahlreiche Arme, die rasant der Stadt entgegen strömen.

 

Schließlich landen wir am linken Ufer unterhalb der „Pension Faleza“ an, mieten uns dort ein und karren zum letzten Mal alles nach oben. Dann hat nur noch eins Priorität: Duschen! Die Zivilisation hat uns wieder! Bevor Michael und Manfred kurz nach Mitternacht mit dem Zug nach Târgu Mureş fahren, um die Autos zu holen, lassen wir es uns auf der Restaurant-Terrasse beim Abendessen richtig gut gehen.

 

Am nächsten Tag heißt es Abschied nehmen, und wir reisen Richtung Ungarn ab. Da uns noch einige Tage Urlaub verbleiben, wollen wir diese in Tokaj verbringen.