E I N E   R E I S E   I N   E I N E   A N D E R E   Z E I T

 

11. Juli  -  01. August 2003

 

 

 

Mit viel Gepäck (insbesondere Proviant), dem Canadier auf dem Dach und wenig Wissen machen wir uns auf in das für uns unbekannte Land. Im zähfließenden Verkehr freuen wir uns schon auf Horst und Monsieur, die wir in Geiselwind treffen werden. Gemeinsam wollen wir auf die Entdeckungsreise gehen und den Mureş per Canadier erkunden.

 

Je mehr wir uns der rumänischen Grenze nähern, desto mehr breitet sich ein kribbeliges Gefühl aus. Wie wird es uns wohl an der Grenze ergehen? Schließlich stehen wir in der Warteschlange und harren der Dinge, die da kommen werden. Vom Geldwechseln kehre ich - fast berauscht - als „Millionärin“ zurück

 

(100 €  = 3.600 000 Lei in 50.000-Scheinen). Soviel Geld und keine Ahnung, wieviel wir eigentlich brauchen werden! Ja, und der Grenzübergang? Der freundliche Grenzbeamte erkundigt sich nach dem Ziel unserer Reise, schaut einmal unters Boot und in die Heckklappe, überreicht unsere abgestempelten Reisepässe und wünscht eine gute Weiterfahrt.

 

Und die hinterläßt viele Eindrücke: Freilaufende Gänse und Pferde auf den unbezäunten Wiesen neben der E60, große Kuhherden mit ihren Hirten, mal nur ein Bauer, der seine Kuh irgendwohin führt. Immer höher führt uns die Straße. Als wir den Paß überqueren, offenbart sich ein herrlicher Panoramablick auf die Karpaten. Apropos Karpaten – den bis zur Wende unbekannten Grafen Dracula haben die Rumänen inzwischen auch für sich entdeckt und dessen touristischen Marktwert erkannt. So lädt ein „Hotel Dracula“ zur gemütlichen Nachtruhe oder ein Gasthaus gleichen Namens zum Verweilen ein. Hinter den hohen Bergen formen sanfte Hügelketten die Landschaft. In manchen Orten glitzern uns prunkvolle silberne Dächer im Sonnenlicht entgegen, während der restliche Teil mehr oder weniger verfallen wirkt.

 

 

 

 

 

Einmal noch die Zivilisation genießen

 

Târgu Mureş – Was wird uns dort wohl erwarten? Zunächst einmal gelbe, stinkende Rauchschwaden, die aus hohen Schornsteinen herausquellen. Aufgrund der verpesteten Luft beginnen wir erst hinter Târgu Mureş mit der Suche nach einer geeigneten Stelle, um in den Mureş einzusetzen. Dabei holpern wir über einige Feldwege und passieren sehr arme Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. In Ogra finden wir eine passable Einstiegsmöglichkeit. Nachdem Horst Wasserqualität und Temperatur geprüft hat, wird die Stelle für gut befunden.

 

Das wäre geklärt, die Frage der Unterkunft noch nicht. Lang anhaltender Regen nimmt uns die Entscheidung sehr schnell ab. Für eine Nacht wollen wir noch einmal die Errungenschaften der Zivilisation genießen und quartieren uns im „Motel Darina“ in Ungheni ein (ca. 10 km von Târgu Mureş entfernt) ein. Während unserer Kanutour können die Autos kostenlos auf dem bewachten Parkplatz stehen bleiben.

 

 

 

Angler, Angler, Angler

 

Was könnten wir beim Frühstück schlemmen! Einmal die gesamte Speisekarte rauf und runter! Einer Überforderung unserer Mägen vorbeugend, begnügen wir uns aber mit Rührei in verschiedenen Variationen. Außerdem sind wir inzwischen ganz schön paddelfiebrig.

 

Schnell sind die paar Sachen wieder im Auto verstaut, bald darauf stehen wir unter grau verhangenem Himmel an unserem Einsatzort und wenig später häuft sich das Chaos am Flußufer. Nachdem die Autos am Motel abgestellt sind und die herrschende Unordnung einigermaßen überschaulich in den beiden Canadiern verstaut ist, wirken die Boote doch etwas überladen – und wir sind noch nicht einmal drin. Trotz alledem, kaum ertönt Horsts unvermeidlicher Ruf: „Auf in die Boote!“, sitzen wir schon und legen ohne Probleme vom Ufer ab.

 

Wie winzig klein wir eigentlich sind, machen uns zwischen Ogra und Cipău senkrecht aufragende Sandwände deutlich, an denen sich der Mureş in vielen Windungen entlang schlängelt. Lang ist es noch nicht her, daß Horst sein „Freiheit!“ über den Fluß erschallen ließ, da wird diese auch schon eingeschränkt. Eine Pontonbrücke sowie das Wehr des Wärmekraftwerkes von Iernut bescheren uns die erste Portage. Wir können am linken Ufer direkt vor der Brücke anlanden, wobei es sich ein Angler nicht nehmen läßt, tatkräftig mit anzupacken. Während unserer anschließenden Rast bestaunen wir die Stabilität der wenig vertrauenserweckenden Uferverbindung, die reichlich frequentiert wird. Pferdefuhrwerke, Schaf- und Rinderherden bescheinigen ihr eine hohe Flexibiltät. Selbst einem Lkw hält sie stand, der sie fast an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringt.

 

Begleitet vom Glöckchengeläut einer gerade vorbeiziehenden Schafherde setzen wir hinter dem Wehr wieder ein. Mal aktiv, mal passiv überlassen wir uns wieder der gemächlichen Strömung des Mureş. Sanft geschwungene Wiesen, dichtes Buschwerk und Sandsteilhänge bilden eine abwechslungsreiche  Flußlandschaft. Daß wir nicht fernab jeder Zivilisation sind, wird uns immer wieder in Form von Plastikflaschen verdeutlicht. In großen Mengen belagern diese die Uferzonen oder schwimmen im Fluß. Auffallend sind auch die Müllberge in den Orten am Ufer des Mureş.

 

Große Kühltürme in der Ferne lassen uns Böses ahnen, verschwinden aber bald aus unserem Blickfeld und läßt uns wieder entspannter die Paddel durchs Wasser ziehen. Schließlich türmen sie sich doch direkt vor uns auf. Wenigstens können wir am rechten Ufer bis an die Wehrmauer des Wärmekraftwerks heranfahren. Allerdings bleibt es uns nicht erspart, unser bisher kaum dezimiertes Gepäck und die Boote über  die hohe Böschung hinaufzuzerren und hinter dem Wehr wieder hinunterzulassen.

 

Nach dieser Schufterei reicht es uns für heute, so daß wir nach einer schönen Lagerstätte Ausschau halten. Das haben wir uns allerdings leichter vorgestellt. Entweder ermöglicht der undurchdringliche Uferbewuchs keinen Ausstieg oder dort, wo sich die Böschung auflockert, haben Angler Stellung bezogen. Teilweise überspannen die Angeln die gesamte Flußbreite, deren feine Schnüre im blendenden Licht der tief stehenden Sonne manchmal schwer zu erkennen sind. Einige Kilometer hinter einem Ort zeigt sich am rechten Ufer eine schmale Öffnung im Buschwerk, die uns sofort anlanden läßt. Ein Trampelpfad führt zu einem kleinen Platz, der etwas vom Ufer abgeschirmt ist und von Bäumen begrenzt wird.

 

 

 

Noch ein Wehr und abends ein kühles Bier

 

Bis zur Brücke der E60 ragen immer wieder Sandwände steil am rechten Ufer hoch. Die Durchfahrten der

 

o. g. Straßen-  und der etwas entfernter liegenden Eisenbahnbrücke sind unverblockt. Ortschaften am Ufer oder in Ufernähe säumen den Fluß. Manchmal verbinden kleine Seilfähren die gegenüberliegenden Seiten.

 

Am Ortsanfang von Bogata Mureş landen wir unterhalb des Bahnhofes an, um einzukaufen. Der hilfreiche Hinweis eines Einwohners führt uns in eine Bar. Zunächst meinen wir, hier falsch zu sein, doch dann zeigt uns die Wirtin den Nebenraum, welcher sich als das Geschäft des Ortes erweist.

 

Zwischen den kleinen Orten prägen sanfte, wellenförmige Wiesenhänge die Landschaft, unterbrochen von ebenen Uferabschnitten, die gut zum Lagern geeignet scheinen. (Genaueres kann nur eine Besichtigung ergeben – evtl. tierische Hinterlassenschaften!) Zwischen den beiden folgenden Eisenbahnbrücken sind das erste Mal bewaldete Hänge zu sehen. Vor dem Stadtgebiet von Luduş paddeln wir an einer Roma-Siedlung vorbei, die sich vor der zweiten Eisenbahnbrücke am rechten Flußufer am Rande des Waldes befindet. Kurz danach mündet der Piriu in den Mureş. Die Straßenbrücke von Luduş ist im linken Bogen fahrbar, Gestrüpp und eine Insel versperren die restlichen Bögen.

 

Vor dem Wehr des folgenden Kraftwerkes heißt es, rechtzeitig rechts anzulanden, da es keine Ausstiegs-möglichkeit an der Wehrmauer gibt. Die hohe, rutschige Böschung erschwert das Ausladen, die Bootswagen erleichtern dafür etwas die Portage über den ca. 900m langen holprigen Weg bis zu einer einigermaßen passablen Einstiegsstelle. Natürlich liegt die etwa vier Meter unter uns.

 

Wieder quert eine Eisenbahnbrücke den Fluß. Als wir die anschließende Ortschaft hinter uns gelassen ha-ben, wollen wir die heutige Etappe beenden. Und wie gestern gestaltet sich die Suche nach einem Lagerplatz schwierig. Sind welche zwischen dem dichten Uferbewuchs sichtbar, sind diese sehr schlammig und haben deshalb keine Trittfestigkeit. Auf den guten Plätzen hocken die Angler.

 

Als wir am rechten Flußufer den Lagerplatz von Cheţani entdecken, endet hier unsere Fahrt. Monsieur lädt so schwungvoll aus, daß er nur durch kreisende Hüftbewegungen den Canadier wieder zur Ruhe bringen kann. Zur Freude der Herren hält die kleine Bar auf dem Platz gut gekühltes Bier bereit, wovon einiges die fast schon alkoholentwöhnten Kehlen hinunter rinnt.

 

 

 

In Falten gelegte Berge

 

Der Lagerplatz fungiert auch als Passage der Tiere zum Fluß. Eine Gänseschar nach der anderen watschelt hier zielstrebig dem Wasser entgehen, Rinder stampfen zur Tränke und ein Esel scheint sich hier ebenso wohl zu fühlen. Schließlich sind die Tiere des Dorfes versorgt, und so können wir nach dem Frühstück ungehindert unsere Boote zu Wasser lassen.

 

Hinter Cheţani prägen grüne Höhenzüge die Gegend, wunderbar zu weich fließenden Falten drapiert. Auf den Wiesen zieht manche Schaf- und Rinderherde weidend entlang. Während die kleinen Zuflüsse zum größten Teil ausgetrocknet sind, führt der Aries dem Mureş dringend benötigtes Wasser zu. Trotzdem kann der Fluß hier zu Fuß überquert werden.

 

Obwohl sich am rechten Ufer ein Strandbad befindet, tummeln sich die meisten Wasservergnügenden außerhalb der Markierung. Vielleicht treibt sie auch die Neugierde, da gerade Soldaten mit Schlauchbooten über den Fluß setzen und Seile spannen. Mit einem freundlichen Gruß werden diese aber sofort hochgezogen, damit wir ohne Blessuren darunter durchpaddeln können.

 

Anschließend sind wir wieder allein auf dem Fluß. Stille umfängt uns, bis unsere Sinne auf ein  auf- und abschwellendes Rauschen gelenkt werden. Der Mureş teilt sich in zwei Arme, wir folgen dem Hauptstrom im rechten Seitenarm. Schließlich sehen wir, daß sich eine Felsstufe über die gesamte Flußbreite zieht. Das Naturwehr können wir auf kurzem Weg rechts gut umtragen. Bevor wir unsere Tour fortsetzen, nutzen wir die Gelegenheit zum Auffüllen unserer Energiereserven und Horst für ein Planschvergnügen am Schwall des Wehres.

 

Es folgen zwei weitere Felsstufen kurz danach. Während wir die erste davon ganz rechts fahren und einen Schlag bekommen, können wir die folgende Strecke, sich über Längen hinziehende, aufgrund des Wasserstandes nur treideln. Der gesamte Flußboden ist mit großflächigen,  Steinplatten überzogen, die mit schräg verlaufenden Rillen versehen sind - eine z. T. äußerst zeitaufwendige und glitschige Angelegenheit. Für die 4. Felsstufe und 5. Felsstufe reicht der Wasserstand zum Befahren gerade aus.

 

Eine kleine Episode an einer unserer Umtragestellen bescherrt uns zupackende Hände und eine Portion Vitamine in Form von Mirabellen – Grundlage für den „Palincà“ (Obstbrand), wie uns versichert wird.

 

 

 

Endlich mal Papierkörbe

 

Uferschwalben, die das linke Ufer mit ihren Behausungen bestückt haben, begleiten eine Weile unsere Paddeltour. Ein aufgeschütteter Kiesdamm im Fluß steigert die Strömung des Mureş, so daß wir fast ohne Muskelkraft zügig links vorbeifahren. Nach der folgenden S-Kurve sorgen zwei Felsstufen wieder für erhöhte Aufmerksamkeit. Dank des Wasserstandes ist die 1. rechts und die 2. halb links fahrbar. Doch für das nächste Hindernis reicht der nicht aus.

 

Unterhalb einer Burg, die von einer kleinen Anhöhe auf der linken Seite auf eine Fabrik herunter blickt, zwingt uns entweder ein verfallenes Wehr oder nur Bauschuttablagerungen im Fluß zum Aussteigen. Bei höherem Wasserstand könnte der Schwall evtl. links fahrbar sein. Wir entscheiden uns für die sichere Variante und umtragen rechts.

 

 Über den Fluß gelegte Rohrleitungen haben wir schon oft durchfahren, aber immer nur einzelne. Hier stehen gleich drei hintereinander, dicht gefolgt von einer Eisenbahnbrücke, deren rechter Bogen fahrbar ist, während sich im mittleren und linken Bogen Holzpfähle und Steine befinden.

 

Vor der Straßenbrücke von Ocna Mureş landen wir am linken Ufer an, um einzukaufen. Aber mit unserem Verlangen nach einem trockenen Rotwein müssen wir weiterhin leben, und so schlimm ist es noch nicht, daß wir mit dem Süßen vorlieb nehmen. Also schleppen wir an den erstaunten Kunden wieder jede Menge Mineralwasser aus dem Laden. Aber eines beschert uns der Ort:  Papierkörbe! Entlastet von unserem Müll legen wir wieder ab.

 

Die Hoffnung nicht aufgebend, noch Rotwein zu bekommen, versuchen wir’s im nächsten Ort noch einmal. Zumindest denken wir, eine Ortschaft weiter zu sein. Doch der Fluß fließt nur in einem langen Bogen um Ocna Mureş herum, wie wir später feststellen. Da ich es vorziehe, jetzt erst einmal zu relaxen, ziehen die drei Männer los und kommen ohne Wein, dafür mit einer Flasche Palincá zurück.

 

Weiterhin erkunden wir die Windungen des Flusses. Vorbei geht’s an einer Kirche am linken Ufer, deren Weiß im Sonnenlicht hell erstrahlt, und wieder mal an sandigen Steilwänden. Das nächste Naturwehr kündigt sich durch das typische Wassertosen an. Wie es wirklich beschaffen ist, sieht man allerdings erst, wenn man sich fast direkt davor befindet. Das Wasser bricht über der Felsstufe in einer geraden Linie ab und läßt keine Zunge erkennen, die eine Durchfahrt ermöglicht. Ein aufgeschütteter Kiesdamm teilt den Mureş in zwei Arme, und die Besichtigung ergibt, daß die Felsstufe  rechts zwischen Ufer und Kiesdamm umfahren werden kann.

 

Zwischen Bäumen finden wir heute einen schönen Lagerplatz am linken Ufer. Selbst das wenige Holz reicht, um zumindest endlich mal unserer Dreibein nutzen zu können. Zuvor wird aber erst einmal der Palincá probiert und für gut befunden.

 

 

 

Treideln mit rumänischer Unterstützung

 

Allmählich nähern wir uns der E81 und der Bergregion. Unsere Anwesenheit scheint einen Schwarzstorch nicht zu stören, der auf Nahrungssuche am linken Ufer umherstolziert. Einige Stromschnellen sorgen ab und zu für einen lebendigeren Verlauf des ansonsten eher träge dahin fließenden Flusses. Vor den Resten einer Brücke erhebt sich stolz eine Kirche auf einer Anhöhe am linken Ufer. Der angrenzende Ort ist wieder mit einer neuen Brücke mit der anderen Seite verbunden.

 

Immer näher schieben sich die bewaldeten Hänge heran, bis sie schließlich den Fluß erreichen, der einige Zeit zu ihren Füßen entlang strömt. Gerade sind wir wieder an Brückenresten vorbei gepaddelt, da versperrt das Wehr von Ciumbrud die Weiterfahrt, vor dem wir links anlanden. Laut Aussage der sich dort versammelten Rumänen können wir treideln. Gesagt, getan. Schon steht auch Einer im Unterwasser, und mit vereinten Kräften werden die Boote über die Wehrkrone geleitet.

 

 „Wieviele kommen denn hier so in der Woche vorbei?“ Erstaunen auf Seiten der Rumänen: „In der Woche? Manchmal kommt vielleicht im Monat einer vorbei. Aber letzte Woche waren erst welche hier. Die wollten das Wehr fahren und sind gekentert.“ Jetzt ist mir auch klar, warum die Angler bei unserer Ankunft zum Wehr gezogen sind!

 

 Mit den besten Reisewünschen versehen, klettern wir wieder in unsere Boote, um kurz darauf vor der Brücke von Ciumbrud eine Rast einzulegen und  einkaufen zu gehen. Die Weinberge in dieser Gegend lassen uns hoffen, daß wir hier auch Wein kaufen können. Enttäuscht hören wir aber von der Verkäuferin, daß hier zwar Weißwein angebaut wird, der aber nicht in den Verkauf kommt. Bei den Weinbauern könnte man vielleicht welchen bekommen. Auf-grund unserer fehlenden Ortskenntnisse und geeigneten Transportmittel lassen wir das lieber sein.

 

Außer einigen Holzpfählen im Wasser ist die Brückendurchfahrt frei von Hindernissen. Im weiteren Verlauf schlängelt sich der Mureş an Weideflächen sowie Waldhängen entlang und zieht an einer links gelegenen Klosteranlage o. ä. vorbei. Manche Seilfähre schafft eine Verbindung zum anderen Ufer. An einigen Stellen können wir abermals die typischen Öffnungen entdecken, die Uferschwalben in die sandigen Hänge hauen. Ebene Flächen wechseln sich mit dichtem Bewuchs ab. Wochenendfreizeitler sind fast an jedem Platz zu finden, was uns mal wieder eine erschwerte Lagerplatzsuche beschert. Schöne Plätze sind mit Familien besetzt. Wenn nicht, kann man fast sicher sein, daß vorbeiziehende Tierherden ihre Anwesenheit dokumentiert haben.

 

 

 

Öffnung des Tales

 

Trotz aller Befürchtung hat der gestrig genossene Palincá keine Spuren hinterlassen, so daß wir sicher in den normal schwankenden Canadiern ablegen können. Bald darauf  strömt der Mureş durch ein weites, offenes Tal, welches einen schönen Blick auf die Berge in der Ferne zuläßt. Streckenweise kommt der Fluß einigen Waldhängen so nahe, daß diese ihn zu fast rechtwinkligen Kurven zwingt. Einige Bäume, die im Wasser gestrandet sind, zeigen an ihren herausragenden Ästen immer noch Leben. Da sie an gut einsehbaren Stellen liegen, können wir ohne Schwierigkeiten an ihnen vorbei paddeln.

 

Da sich um die Mittagszeit immer mehr dunkle Wolkengebilde auftürmen, die Luft immer stickiger wird und die Abstände des Donnergrollens in der Ferne immer kürzer werden, macht uns im Gegensatz zu den Einheimischen nervös. Sicherheitshalber landen wir kurz hinter der Eisenbahnbrücke vor Teius an, um das herannahende Gewitter abzuwarten. Bis dahin nutzen wir die Zeit, die Durchfahrt der folgenden Brücke  der Str. 148 zu erkunden. Horst sieht voller Begeisterung eine mögliche Passage im linken Bogen. Doch beim genaueren Hinsehen verwerfen wir diesen Gedanken, da dort anscheinend Stahlträger quer über den Fluß verlaufen. Zusätzlich befinden sich noch jede Menge Bauschutt und Steine im gesamten Flußbereich.

 

Zwei Stunden später: Ein „Gewitterchen“ entlädt sich über uns und bringt einen kleinen Regenschauer mit sich. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei, und wir können unsere Tour fortsetzen, wobei erst einmal Umtragen angesagt ist. Am rechten Flußufer ist zwar ein kurzer, ebener Weg garantiert, dennoch tänzeln wir dort eher schwerfällig als leichtfüßig herum. Die hier konzentrierte schafliche Hinterlassenschaft ist uns als Bootsinhalt nicht sehr willkommen.

 

Nach einer Reinigungsaktion geht’s wesentlich entspannter weiter, vorbei an der Einmündung des Tiernarva, wieder mal an Brückenresten vorbei und unter einer Fußgängerhängebrücke durch, bis wir schließlich einen schönen Platz am rechten Ufer finden. Horst darf endlich seine Spaghetti servieren, dessen vegetarische Sauce Michael ein „Sehr gesund!“ entlockt. Vorahnungen haben uns heute Abend das Tarp aufstellen lassen. Zu Recht, so fühlen wir uns durch den hereinbrechenden Regenschauer nicht sonderlich beeinträchtigt, sondern nutzen ihn für eine Vorspülung des Geschirrs.

 

 

 

Künstliche Dämme aus Kies

 

Unterm Tarp sitzend genießen wir ein sehr ausgiebiges und reichhaltiges Frühstück Anscheinend ist heute Morgen niemand so richtig motiviert, aufzubrechen. Ist es so gemütlich oder liegt es etwa daran, daß immer noch das Geschirr von gestern auf den Abwasch wartet? Mehr oder weniger lustvoll wird das aber schließlich erledigt und unser Lager abgebrochen. Gerade rechtzeitig können wir noch die letzten Gepäckstücke in die Boote retten, bevor uns eine Rinderherde auf ihrem Weg zur Tränke überrollt.

 

Unseren Einkauf in Teleac werden wir in guter Erinnerung behalten. Wir sind endlich fündig geworden! Als stolze Besitzer zweier Flaschen Rotwein und Käse legen wir wieder ab.

 

Charakteristisch für den weiteren Verlauf sind die zahlreichen Brücken, die den Fluß überspannen. Ange-fangen mit der Brücke von Teleac/Alba Iulia durchfahren wir insgesamt sechs Stück: zwei Straßenbrücken, drei Fußgängerhängebrücken und zuletzt die Eisenbahnbrücke am Ende des Stadtgebietes von Alba Iulia. Der Mureş fließt ungehindert in einem großen Bogen um die Stadt herum. Kiesaufschüttungen verengen an einigen Stellen das Flußbett und erhöhen dadurch die Fließgeschwindigkeit.

 

Anscheinend sind wir für die Arbeiter eine willlkommene Abwechslung. Manch einer winkt uns zu oder grüßt uns mit einem Hupkonzert aus seinem Bagger. Da die Landschaft um uns herum relativ flach ist, hat man das Gebirge in der Ferne fast immer im Blick, mal rechts, mal links, mal vor uns.

 

 

 

Eine Schlammanwendung gratis

 

Ab Alba Iulia halten die Ortschaften eine gewisse Distanz zum Mureş, so daß sich die Einkaufswege verlängern und die Möglichkeiten dazu verringern. Bis dort haben wir stets kurze Wege zum Einkaufen gehabt. Das Nötigste wie Brot und Wasser bekommt man überall, selten frische Ware. Oft weisen nur Gierfähren daraufhin, daß sich Orte evtl. in der Nähe befinden, da der Fluß zwischen Sandsteilhängen und Bergketten entlang strömt.

 

Als wir rechts an der Brücke von Vurpăr anlanden, gönnt sich Michael sofort eine Schlammpackung. Die Sandalen müssen allerdings gewaltsam überzeugt werden, beim Herausziehen der Beine aus der saugenden Masse an den Füßen zu bleiben. Eine widerspricht auch prompt der angeblich unverwüstlichen Teva-Qualität. Ein herausgerissener Riemen ist die Folge. Lieber flickend im Schatten sitzen als schleppend in der Sonne schwitzen, mag Michael wohl gedacht haben, als wir zum Einkaufen aufbrechen.

 

Der weite Weg hat sich gelohnt. Das erste Mal erstehen wir ein paar frische Lebensmittel wie Tomaten und Äpfel. Um das Trinkwasser aufzufüllen, fragt man am besten im Laden, da es kaum Brunnen an den öffentlichen Straßen gibt. Bisher haben wir damit nur gute Erfahrungen gemacht.

 

Auch Angler sind seltener am Ufer zu sehen, dafür nehmen die Baumleichen im Fluß zu. Einige Stromschnellen beleben die Fahrt und einige Inseln teilen den Mureş in zwei Arme. Leider sind sie aufgrund ihres fast undurchdringlichen Bewuchses nicht zum Lagern geeignet. Aber Horst gibt die Hoffnung nicht auf: „Wir finden noch eine schöne Insel! Glaubt es mir ruhig, eine mit Sandstrand und einem ‚Blubb’!“ Und er hat tatsächlich recht. Am Schönsten ist natürlich der ‚Blubb’: eine Stromschnelle kurz vor der Insel. Das herumliegende Holz reicht auch, um den Abend am Lagerfeuer ausklingen zu lassen.

 

 

 

Zwischenstop in der Zivilisation

 

Gerade haben wir von unserer Insel Abschied genommen, da zwingt uns ein Baumstamm in einer unübersichtlichen Außenkurve zu einer kurzen Treidelpassage. Mächtig erheben sich die Karpaten am Horizont, deren Anblick uns begleitet. Selten sind sie mal nicht zu sehen, z. B. als der Mureş eine scharfe Linkskurve vollzieht und an einer Bergkette entlang fließt.

 

Ein Ort direkt am Fluß! Das müssen wir nutzen! Eine gute Anlandestelle befindet sich direkt hinter der Brücke am linken Ufer. Wir sind in Gelmar. In Ufernähe gibt es eine Pension mit Restaurant, dessen Ausbau bis zum Ufer geplant ist. Eine kleine Ortsbesichtigung ergibt, daß der immerhin zwei Lebensmittelgeschäfte zu bieten hat, aber keine frische Ware. Es ist gerade Mittagszeit und so nutzen wir die Gelegenheit zum Essengehen.

 

Im Laufe des Nachmittags verdichten sich die Wolken über den Bergen immer mehr. Noch grummelt es nur in der Ferne, aber diese Geräusche lassen uns schon einmal nach einem Lagerplatz Ausschau halten. Wir finden auch einen wunderschönen Platz, wollen gerade anlanden, da zieht eine Schafherde darauf zu. Also weiter! Das anfängliche Grummeln ist inzwischen zu einem richtigen, immer näher rückenden Grollen angewachsen. Die nächste geeignete Stelle wird sofort in Besitz genommen und nässeschützend hergerichtet. Faszinierende Dunstschwaden tanzen nach dem kräftigen Regenguß über den Fluß und schweben langsam empor.

 

Anschließend suchen wir ganz entspannt einen Lagerplatz und finden einen am linken Ufer. Gegenüber ragt ein „Tafelberg“ hoch, der zumindest aus unserer Perspektive diesen Anschein vermittelt.

 

 

 

Laßt die Gläser klingen: Es gibt mal wieder Rotwein!    

 

Ein paar Kilometer hinter der Brücke von Simeria teilt sich der Mureş in mehrere Arme. Die Entscheidung wird uns durch Kiesarbeiter abgenommen, die uns etwas zurufen und eifrig nach rechts deuten. So folgen wir diesem Seitenarm, der flott um die Insel herum kurvt und einige Baumleichen abgelagert hat. Die erhöhen zwar etwas die Spannung, lassen sich aber gut bewältigen. Es hat Spaß gemacht und und außerdem noch Schlepperei erspart, denn der linke Arm wird durch eine Pontonbrücke versperrt.

 

Als am Horizont eine Burgruine auftaucht, ist es nicht mehr weit bis Deva. Bald sehen wir auch schon die Stadt, die sich etwas entfernt linksseitig ausbreitet. Wir passieren die Brücke der E79 und paddeln an den Resten einer Eisenkonstruktion vorbei, die ehemals wohl eine Eisenbahnbrücke gewesen ist. Ca. 500m nach den Brückenresten  befindet sich am rechten Ufer ein Sport-/Freizeitgelände sowie ein verwahrloster Platz mit heruntergekommenen Hütten, der anscheinend nicht mehr genutzt wird.

 

Die zunehmende Nähe zum Kraftwerk verwandelt den Mureş immer mehr zu einer seenartigen Wasserfläche mit nachlassender Strömung bis zu deren Stillstand. Bevor das Unvermeidliche in Angriff genommen wird, füllen wir in Mintia unsere Vorräte auf, wobei wir außer Leberwurst auch mal etwas anderes bekommen: eine Dose Mettwurst und Rotwein!!!

 

Noch ein paar Windungen, dann erhebt sich mächtig das größte Kraftwerk des Flusses mit seiner hohen Wehrmauer am linken Ufer. Ein von der Straße abzweigender asphaltierter Weg läßt uns rechts frühzeitig anlanden. Es ist die geeigneste Stelle, um die Landstraße zu erreichen, auf der die ca. 900m lange Portage relativ gut zu bewältigen ist. Die flache Einsatzstelle im Unterwasser des Wehres erspart uns ein erneutes Aus- und Einpacken, da die Boote auf dem Bootswagen ihrer eigentlichen Bestimmung übergeben wer-den können und letzterer nur noch darunter weggezogen werden muß.

 

Nach dieser Stimulierung der Beinmuskulatur gönnen wir der eine Pause, paddeln noch ein Stündchen, lassen eine intakte Eisenbahnbrücke und eine auf dem Ufer liegende Seilfähre, die als Spielobjekt der Kinder dient, hinter uns, bevor die oben erwähnten Muskeln wieder  reaktiviert werden. Heute Abend sind die Zelte besonders schnell aufgebaut – der Rotwein lockt!

 

 

 

Der Himmel zürnt

 

Dieser Morgen fängt schon gut an! Eine kurze Unaufmerksamkeit beim Zeltabbau, und prompt testet es Michaels Reaktionsvermögen. „Ohne uns nicht! Alleintouren gibt es nicht!“ Gerade noch rechtzeitig erwischt er den Ausreißer vor dessen Badevergnügen.

 

Der Mureş führt uns abermals in eine bergige, bewaldete Landschaft, in der selten Orte vom Fluß aus zu sehen sind. Das nah an der Brücke der E68 gelegene Săcămas ist uns zum Ein-kaufen sehr willkommen und erlöst Monsieur von seinen Entzugserscheinungen, Marmelade betreffend, die sich allerdings als musiger Brei entpuppt.

 

Ilia kommt in Sicht. Ein Hotel oder Restaurant am Ortsanfang regt Michaels Magensäfte derart an, daß er gerne anlanden möchte. Auf Horst und Monsieur springt der Begeisterungsfunke nicht über. Jedenfalls wirken sie nicht sehr motiviert, ihren Gleichgewichtssinn auf den kantigen Steinen der Uferbegrenzung unter Beweis zu stellen. Als wir unter der folgenden Eisenbahnbrücke durchpaddeln und Gurasada hinter uns lassen, ist die Welt noch in Ordnung. Doch die verändert sich, erst langsam, dann immer schneller, auftürmende Wolken und rollenden Donner im Gepäck.

 

Diese Warnungen lassen uns schnellstens an Land gehen. Es bleibt uns gerade noch Zeit, die Zelte und das Tarp aufzustellen, (welches allerdings sofort nach der ersten heftigen Windböe Michael unter sich begräbt), bevor das Gewitter losbricht. Uns bleibt nur noch die Flucht in die Zelte. Das Rauschen des Regens, das Zucken der Blitze, das Grollen des Donners – und wir mitten drin! Knappe vier Stunden toben sich zwei, drei Gewitter zwischen den Bergen aus und machen sich gegenseitig die Herrschaft über das Land streitig. Bis sich der Himmel wieder beruhigt hat, leistet uns immer mehr Wasser im Vorzelt Gesellschaft, so daß wir uns die Zeit mit Gräben ziehen sinnvoll vertreiben.

 

 

 

Paddler treffen Floßfahrer

 

Heute müßte es eigentlich soweit sein, daß wir den Durchbruch passieren, den wir voller Spannung erwarten. Das enger werdende Tal und die zunehmende Strömung des Flusses weisen jedenfalls daraufhin, daß es nicht mehr allzu weit sein kann.

 

Vorher drängt aber die Auffüllung unserer Wassersäcke und Vorräte. Obwohl der nächste Ort etwas vom Ufer entfernt liegt, nehmen wir die Gelegenheit zum Einkaufen wahr. Und stehen vor verschlossener Tür! Ein hilfreicher Einwohner zeigt uns ein anderes Geschäft. Auch geschlossen! Etwas frustiert machen wir uns auf den Rückweg und probieren es doch noch einmal bei dem Ersten. Und haben Glück! Auf unser Rufen eilt von nebenan der Besitzer aus einer Werkstatt herbei und öffnet für uns. Als wir nach Käse fragen, bedauert er keinen zu haben, da die Kühlsysteme nicht zuverlässig arbeiten. Schuld daran sei der Regen. Er kann sich noch gar nicht über die hereinbrechenden Wasserfluten des gestrigen Abends beruhigen, über die er uns gestenreich berichtet.

 

Es gibt doch noch Andere, die auf dem Mureş unterwegs sind. Horst ist ganz aufgeregt, als wir zu-rückkehren, da zwei Schwimmer, im Schlepptau zwei Flösse, stromabwärts kommen. Anscheinend sind die genauso überrascht wie wir, denn die Anlandung erfolgt prompt. Ihre Einladung, sich ihrem Übernachtungsplatz anzuschließen, lehnen wir allerdings dankend ab, da wir doch um einiges schneller sind. Nach dem kurzen Intermezzo mit den rumänischen Floßfahrern, die uns versichern, daß die Befahrung der Natursteinwehre kein Problem seien, heißt es für uns auch wieder: „Auf in die Boote!“

 

In Tătărasti probieren wir noch einmal, Käse zu bekommen - vergebens. Trotzdem bekommen unsere Geschmacksnerven, wursttechnisch gesehen, mal etwas Abwechslung in Form einer „Salam“, einer Wurst im Darm, die die Mittagspause nicht überlebt.

 

Allmählich werde ich immer ungeduldiger. Irgend-wann müssen wir doch am Durchbruch sein! Eine, sich dehnende Stunde später sind wir so schnell da durch gepaddelt, daß wir’s kaum gemerkt haben. Ein paar leichte Stromschnellen führen an der linken Seite durch zwei Kurven bzw. um Baumleichen herum, links weist noch ein Granitfelsen auf den Durchbruch hin,  Steine liegen im Wasser. Das ist es gewesen! Mein Adrenalinspiegel hat sich völlig umsonst aufgeregt.

 

Die Strömung nimmt danach weiter zu und das Ufer gibt den Blick auf sehr schöne Lagerplätze frei, wie für uns gemacht und scheinbar „Herdenfrei“. Eben nur scheinbar. Wir gehen gerade zum gemütlichen Teil des ausklingenden Tages über, da trotten sie heran - und vorbei. Noch mal Glück gehabt. Besonders stimmungsvoll geht heute Abend die Sonne unter. Glutrot verschwindet sie hinter den Bergen und taucht die Landschaft in ein Farbenmeer von warmen Rottönen.

 

 

 

Ein Millionen-Sterne-Hotel mit Swimming- und Whirlpool

 

Eine gewisse Orientierungslosigkeit prägt die heutige Etappe, die von Bergen umrahmt ist und auf der herrliche Lagerplätze den ansonsten dichten Uferbewuchs unterbrechen. Unsere Landkarte läßt uns nur vermuten, daß wir an Zam vorbeipaddeln, wo z. Zt. trotz glühender Hitze eifrig an einer neuen Brücke gebaut wird.

 

Ein Rauschen lenkt unsere Konzentration wenig später wieder auf das vor uns liegende Natursteinwehr,  welches rechts gut fahrbar ist. Die Steine unter der folgenden Brücke sind ebenfalls kein Problem. Die nächste Brückendurchfahrt hat nichts zu bieten und von der übernächsten zeugen nur noch Reste am Ufer sowie Holzpfähle in der Mitte des Flusses. Eine Eisenbahn gibt uns schließlich einen Anhaltspunkt, wo wir uns genau befinden. Als die über einen rechts einmündenden, kleinen Zufluß führt, haben wir gerade Capruţa hinter uns gelassen.

 

Heute finden wir sie: die Insel unserer Träume! Sandstrand, „Pyramiden“, „Swimming- und Whirlpool“ sowie ein kleiner Schwall scheinen nur darauf gewartet zu haben, von uns erkundet zu werden. Allerdings lädt der Swimmingpool nicht gerad zu einem Bad ein, da dort ein Bagger sein Grab gefunden hat.

 

 

 

Und ab geht’s durch die Bäume

 

Der letzte Tag auf dem Mureş, ein letzter, wehmütiger Blick auf unsere Insel, dann hat uns die flotte Strö-mung wieder aufgenommen und führt uns über ein Naturwehr,  welches links gut fahrbar ist. Diesem sollen noch sechs weitere folgen, die ebenfalls nicht schwer zu bewältigen sind.

 

Ein naheliegender Ort läßt uns aber zunächst zum Einkaufen anlanden. Eine etwas größere Auswahl  erwartet uns im Laden von Conop. So wechseln Kifli (Hörnchen), Käse (!) und Salami den Besitzer. Die Freude darüber ist so groß, daß sie sogar unsere Phantasien von „Schwarzwälder Kirschtorte“ ins Unterbewusstsein befördert.

 

Nach dem fünften Naturwehr wird’s eng. Noch ahnungslos erwidern wir das Winken der Kiesarbeiter, verstehen aber ihre Zurufe nicht. Bevor wir darüber nachdenken können, erfaßt uns schon der Sog der sich rasant steigernden Strömung. „Oh, Gott, da liegen Bäume!“ Die Rechtskurve scheint völlig blockiert zu sein und keine Möglichkeit auszuweichen. Gerade noch rechtzeitig erkennen wir die Lücke, die eine Passage zuläßt und sehen die nächsten sich auftürmenden Bäume, die sich vor einer engen Linkskurve abgelagert haben.

 

Doch zunächst nutzen wir das Kehrwasser zum Atem holen und zur Orientierung, bevor wir uns wieder in die Strömung stürzen. Eine kleine Unstimmigkeit, ein falscher Paddelschlag meinerseits – das hätte uns fast ein unrühmliches Ende dieser Abschußfahrt beschert. Aber eben nur beinahe. Ein kratzendes Geräusch und ein Schlag gegen das Heck, dann sind wir durch, und die Pulsfrequenz befindet sich wieder im Abwärtstrend. Horst: „Ich konnte ja noch gar nicht sehen, was da los war, als ihr auf einmal im irren Tempo losgelegt habt. Ich dachte nur, was machen die denn da? Ja, und dann ging alles sehr schnell. Das war richtig spannend und hat einen Spaß gemacht!“

 

 Um die körperlichen Funktionen aufrecht zu erhalten, wird es Zeit, eine Rast einzulegen, obwohl die Gegend nicht sehr einladend wirkt. Die Umgebung hätte Endzeitfilmen alle Ehre gemacht. Gelbe Schaumkronen auf dem aufgewühlten Wasser, die sich in den gestrandetem Gestrüpp festsetzen, und verkohlte Bäume am Ufer, die ihre kahlen Äste gen Himmel ragen, wären genau die passende Kulisse.

 

Nach dieser surrealistisch anmutenden Gegend erholen sich Fluß und Landschaft wieder. Als sich vor uns am rechten Ufer die Burgruine von Lipova erhebt, sind wir fast am Ziel unserer Kanutour. Ca. 200m hinter der Brücke der E68 suchen wir uns zunächst einen Lagerplatz. Kurz vor Mitternacht werden Michael und Monsieur mit dem Zug nach Târgu Mureş abfahren, um die Autos zu holen.

 

Kaum sind unsere beiden Zugfahrer aufgebrochen, bekommen Horst und ich Besuch von einer Kuhherde, die bei uns anscheinend rasten wollen. Einige untersuchen sofort unser Boot, ansonsten lassen sie uns aber zufrieden und verhalten sich sogar stubenrein.

 

 

 

Abschied

 

Gegen halb eins fahren Michael und Monsieur vor, und eine dreiviertel Stunde später sind wir abfahrbe-reit. Dazwischen schildern die Zugfahrer ihre Erlebnisse: „Wir hatten gedacht, der Zug um Mitternacht wäre leer. Aber im Gegenteil! Ganz Rumänien scheint nachts mit dem Zug unterwegs zu sein. Und diese Hitze! Tagsüber wäre das gar nicht auszuhalten gewesen.“

 

Ohne Kontrolle an der Grenze, nur mit dem obligatorischen Stempel im Paß, verlassen wir das Land wie-der, welches uns jetzt nicht mehr ganz so unbekannt ist und ein Wiederkommen lohnt. Hier leben die Menschen mit ihrem Fluß. Wie, das ist es für uns schon manches Mal etwas irritierend gewesen. Der Mureş dient z. B. als Wassertränke für die Tiere, als Waschplatz für die Wäsche oder für Autos und Trecker sowie als Badeplatz für die Kinder. Am Faszinierenden haben wir die sehr abwechslungsreiche Landschaft mit ihren steilen Sandwänden, sanften Hügeln und der Gebirgskulisse empfunden. Ohne die freundliche Hilfe der Einwohner hätten wir wohl manches Geschäft nicht gefunden. Wer vermutet denn z. B. in einer Bar auch ein Lebensmittelgeschäft?

 

 

 

Zwischenstation in Szeged: Ein Traum wird wahr

 

Nach einem Rundgang durchs Zentrum von Szeged lassen wir es uns beim Mittagessen im „Arany  Oroszlány“ (Goldener Löwe) richtig gut gehen. Am gleichnamigen Platz laden Cafés und Bistros geradezu zum Verweilen ein. Dieser gemütlichen Atmosphäre können wir uns nicht entziehen, außerdem haben wir lange genug von Kaffee und Torte geträumt. Und was finden wir auf der Kuchenkarte? Schwarzwälder Kirschtorte! Wie oft haben wir uns auf der Tour davon vorgeschwärmt! Monsieurs Bedenken verschwinden, als er serviert wird. Er ist phantastisch!

 

Mit vielen Eindrücken versehen geht’s am nächsten Tag in Richtung Heimat, wobei sich schon ein Gedanke festsetzt: Wir sind nicht das letzte Mal auf dem Mureş gewesen!