Mo., 24.07.06            Vom weißen Sand zur grünen Wiese

 

 

 

Saulkrasti, etwa 20 km nördlich von Ādaži – ein herrlicher weißer Strand liegt vor uns, feiner Sand und Wasser soweit das Auge reicht. Kein Wunder, dass dieses Kleinod als beliebtester Badeplatz der Rĩgaer gilt, ist doch die Hauptstadt gerade mal 30 km entfernt. Einige Schiffe unterbrechen die weit entfernte Linie zwischen dem strahlend blauen Himmel und der sich leicht kräuselnden Wasserfläche. 20°C Wassertemperatur verheißt das Schild am Ostseestrand, doch die Füße wollen das nicht so recht glauben. Ein paar Kinder spielen im Sand und besonders Wagemutige plantschen im kühlen Naß.

 

 Nach dem kurzen Zwischenstop an der nahe gelegenen Ostsee, folgen wir der Straße durchs Waldgebiet Richtung Sigulda, die kurz vor der Stadt die Gauja überquert. Selbstverständlich wird sofort der Flusslauf unter der Brücke in Augenschein genommen und der kleine Schwall im linken Brückenbogen als fahrbar eingestuft.

 

 Aufmerksamkeit erregt aber auch das Brückengeländer, an dem unzählige Schlösser mit eingeritzten Namen und einem Datum hängen.

 

Später erfahren wir, dass es sich dabei um eine russische Hochzeitstradition handelt, die Glück bringen soll. Einige Meter stromauf liegt am linken Gauja-Ufer der Campingplatz gegenüber der größten Bob- und Rodelbahn des Landes.

 

 

 

Kurz vor der Straßenbrücke quert Siguldas Seilbahn den Fluß in 40m Höhe, um Besucher zur Burgruine Krimulda aus dem 13.Jh. zu beför-

 

dern. Das nahegelegene, gleichnamige Schloß aus dem 19.Jh. beherbergt heute ein Sanatorium für tuberkulosekranke Kinder.

 


 

Kurvig führt die Straße bergauf bis Sigulda, eine sich weit ausbreitende Stadt am Rande des Gauja-Nationalparks. Die heiße Luft steht, Grund genug, die Stadt nach dem Erwerb einiger Landkarten sowie eines Wörterbuches schnell wieder zu verlassen. Zuvor schauen wir uns noch im kleinen Besucherzentrum des Gauja-Nationalparks um, der einen Überblick über das geschützte Gebiet vermittelt, durch das sich die Gauja etwa 100 km windet.

 

 

 

Hätten wir den Schimmer einer Ahnung gehabt, wie zäh sich die Strecke nach Vireši hinzieht, hätten wir wahrscheinlich davon abgesehen, dort nach einem schönen Biwakplatz mit einer guten Einsetzstelle zu sehen. Doch die ursprüngliche Flusslandschaft entschädigt schließlich für die langweilige Fahrt an Wiesen, Wäldern entlang und abzweigenden Straßen vorbei. Obwohl uns bereits der nicht einsehbare kleine Platz unterhalb der Brücke kurz vor Vireši gut gefällt, besichtigen wir noch einige andere Biwakplätze ober- und unterhalb. Entweder sagt uns aber der Platz nicht zu oder der Einstieg hätte einige akrobatische Kenntnisse erfordert oder zum Erreichen des Biwakplatzes müßten erst lange, gelagerte Baumstämme überwunden werden.

 

 

 

Mit der Gewissheit, vor dem Tourstart nicht mehr suchen zu müssen, machen wir uns auf den Rückweg nach Ādaži. Nach einer weiteren Kostprobe der lettischen Küche in Form eines leckeren Dorschfilets erwarten wir die Ankunft von Rosi und Peter, die sich inzwischen für etwa 1:00 Uhr (nachts) angekündigt haben.

 

 

 

Als sie kurz vor der angekündigten Zeit vorfahren, gibt es ein entsprechendes "Hallo!" und einen stilgerechten Empfang mit dem Nationalgetränk der Letten – dem "Schwarzen Balsams". Obwohl der dunkle, süßliche Kräuterschnaps nicht ganz unserem Geschmack entspricht, bleibt nur noch ein kümmerlicher Rest in der Flasche zurück.

 

 

 

 

 

Di., 25.07.06             Auf zu neuen Ufern!

 

Ankunft: 15:10 in Vireši   /  Abfahrt: 11:30h in Ādaži         

 

 

 

Ein ausgiebiges Frühstück läutet den Tag ein. Noch einmal lassen wir uns bedienen mit den warmen Köstlichkeiten der Frühstückskarte wie überbackenem Toast, Bauernfrühstück und Spiegeleiern mit Schinken – nichts für Kalorienzähler!

 

 

 

Derart gesättigt werden die letzten Sachen gepackt und gegen Mittag geht's los nach Vireši. Die letzten Einkäufe werden in Sigulda erledigt, wobei es einige Diskussionen zwischen Michael und Peter über die mitzuführende Biermenge gibt.

 

                              

 

Da auch Rosi und Peter der kleine Biwakplatz nahe Vireši gut gefällt, türmen sich schnell Packsäcke, Tonnen, Getränke und diverse Kleinigkeiten neben den Canadiern auf der Wiese. Während die Männer unsere Autos zum Hotel nach Ādaži zurück fahren, bringen Rosi und ich erst einmal etwas Ordnung in das Chaos, bauen die Zelte auf und kühlen uns in der glasklaren Gauja ab.

 

 

 

Kaum sind wir aus dem Wasser, versetzt uns ein näher kommendes, tuckerndes Motorengeräusch etwas in Unruhe, doch der Traktor nimmt direkten Kurs auf den Fluß, tankt Wasser und fährt am gegenüberliegenden Ufer wieder heraus.

 


 

Zwischen 21 und 21:30 Uhr kehren Michael und Peter per Taxi zurück und unser erster Abend an der Gauja klingt gemütlich am Lagerfeuer aus.

 

 

 

 

 

Mi., 26.07.06             Wo ist der Rotwein?

 

Abfahrt:    11:10h in Vireši      /  Rast: 12:45-13:30h bei Smidzi,  Gaujiena

 

Rast: 15:00-15:20h   /  Ankunft: 17:30h bei Ceriņi                             

 

 

 

Sonnig begrüßt uns der Morgen. Bepackt liegen die beiden Canadier am Ufer der scheinbar bewegungslosen Gauja. Nur die sich sanft wiegenden Wasserpflanzen lassen erkennen, dass sie doch etwas fließt. Kaum auf dem Wasser, weicht der letzte Rest des alltäglichen Stresses einer erholsamen Ruhe und Gelassenheit. Mit jedem Paddelschlag tauchen wir tiefer in die uns umgebende Stille ein, die nur der streckenweise auftretende Wind unterbricht.

 

 

 

Gemächlich treiben wir über den Wassergrasteppich dahin. Noch ist der Fluß sehr flach, so dass manches Mal die Armkraft nicht ausreicht und zusätzliche Beinkraft gefordert ist. Einzelne im Flußbett stehende Steine und weite Kurven prägen den Lauf der Gauja. Blauschillernde Libellen begleiten uns. An manchen Stellen setzen kleine, blühende Wasserpflanzen zarte Farbtupfer auf das klare Wasser.

 

 

 

Kurz vor Gaujiena zeigt der Fluß seine ersten schönen Sandbänke, die zum Rasten regelrecht auffordern, dem wir nicht widerstehen können. Außerdem signalisiert der Magen "Hunger!", ein Grund mehr, anzulanden. Daß sich auch andere Besucher bereits hier tummelten, lässt sich an vielfältigen Spuren im Sand ablesen, die augenscheinlich nicht nur von Hunden herrühren. In Gaujiena besteht die letzte Möglichkeit vor den nächsten 91 km, nochmals die Vorräte aufzufüllen, wozu vor der Brücke rechts gut angelandet werden kann.

 

 

 

Außer einem Paddler aus der Schweiz ist weit und breit kein Mensch oder ein anderes Kanu zu sehen. Nach einem kurzen Smalltalk sind wir wieder stundenlang ganz allein unterwegs.

 

 

 

Nahe Ceriņi landen wir abermals an einer Sandbank an, um hier unsere Zelte aufzuschlagen. Sobald die Arbeit getan ist, brutzelt das Essen im Topf. Ein feines Glas Rotwein soll das Essen krönen. Doch der ist nicht da und liegt nun ganz allein am Gaujaufer bei Vireši.

 

 

 


 

 

Do., 27.07.06             Grenzgänger

 

Abfahrt:    11:15h  /  Rast: 13:05-14:05h

 

Rast: 15:30-15:50h BP in Estland   /  Ankunft: 17:30h gegenüber BP fkm 240,5                              

 

 

 

Allmählich bildet sich der Rhythmus heraus, den wir die Tour über beibehalten werden. Es locken so viele schöne Plätze rechts und links am Fluß, dass wir öfter als üblich anlanden, um uns etwas umzusehen. Allein zum Beine vertreten würden noch die teilweise extrem flachen Flussabschnitte genügen.

 

 

 

Im Flußbett abgelagerte Baumstämme, oft infolge der schwachen Strömung und des Gegenlichtes schwer auszumachen, sorgen hin und wieder für einen allzu engen, aber ungefährlichen Bootskontakt. Manchmal ist das etwas lästig, aber nichts gegen die Kontaktaufnahmen, die aus der Luft erfolgen. Die Attacke erfolgt ohne vorherige Warnung. Aus dem Nichts umschwirrt uns plötzlich ein Heer von Bremsen, federleicht und sich vorzugsweise dort niederlassend, wo die Opfer, in dem

 

Fall wir, kaum eine Chance zur Gegenwehr haben.

 

 

 

Den kurvigen Flusslauf begleiten weiterhin Wälder, deren hoch aufragende schlanke Fichten und Laubbäume von hohen Sandhängen auf große Sandbänke herunter blicken. Abseits der Zivilisation stört kein Verkehrslärm mehr die wohltuende Ruhe, und Orte sind weit entfernt. Einzig die angelegten Biwakplätze verraten die Anwesenheit des Menschen.

 

 

 

Eigentlich sollen Grenzpfosten den Beginn des estnischen Territoriums am rechten Ufer anzeigen, aber wir haben keinen ent-deckt. Erst durch die Mündung der Mustjōgi wird uns bewusst, dass wir uns bereits im lettisch-estnischen Grenzbereich befin-den. Da es hier keinerlei Passformalitäten gibt, paddeln wir je nach Lust und Laune mal in dem einem, mal in dem anderen Land.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

 

Durch ein Holzschild auf estnischer Seite aufmerksam geworden, erklimmen wir einen kleinen Abhang und finden uns auf einen Biwakplatz wieder, der das Herz höher schlagen lässt. Außer der üblichen Ausstattung mit Sitzgelegenheiten, Feuerstellen und evtl. WC-Häuschen gehört hier auch eine Aufenthaltshütte mit integrierter Sauna dazu. Mit ein wenig Bedauern paddeln wir aber doch weiter, denn noch ist es uns etwas zu früh, um den Paddeltag schon zu beenden, und wir trösten uns damit, dass wir nicht alles den Hang hoch schleppen müssen.

 

 

 

Durch den Zufluß der Mustjōgi ist die Gauja zwar breiter geworden, aber nur geringfügig tiefer. Manche Sandbank im Flußbett zwingt uns ab und zu noch zum Aussteigen, um die Boote wieder ins tiefere Wasser zu schieben. Einfach zu umkurvende Baumleichen nehmen zu, die Sandufer werden höher. Einige bieten Uferschwalben Unterschlupf. Manchmal legt sogar die Gauja einen Gang mehr ein, doch meistens fließt sie träge dahin und ruht sich anscheinend auch mal ganz aus. Gefühlsmäßig immer dann, wenn der Wind erwacht, um seine Spielchen zu treiben.

 

   

 

Ein leises Rauschen verspricht etwas Spannung, und tatsächlich strömt die Gauja nach einer Linkskurve über eine kurze unspektakuläre Schwallstrecke – aber wenigstens gibt es mal etwas mehr Bewegung auf dem Wasser.

 

 

 

Heute nutzen wir die Gelegenheit, auch einmal in Estland zu übernachten. Kurz nach der Schwallstrecke taucht eine endlos erscheinende Sandbank vor uns auf, genau die Richtige für uns,  und so landen wir dort an, um am Ufer der Koiva, wie die Gauja in Estland genannt wird.

 

 

 

 

 
   

 

Fr., 28.07.06 Unerwünschte Kontakte und bedenkliche Abnahme

 

Abfahrt:   10:55h    /  Rast: 13:30-14:30h   /  Rast: 15:25-15:40h   /  Ankunft:  17:15h

 

                                              

 

Nach einer ungewöhnlich kalten Nacht, die das Thermometer bis auf 6°C sinken ließ, erwärmt die Sonne am Morgen wieder die Luft, so dass einem gemütlichen Frühstück nichts im Wege steht. Anschließend erfolgt das routinierte Zusammenpacken und Beladen der Boote, der alltägliche Tagesbeginn hat sich längst eingespielt. Das Einzige, was unseren Steuermännern  Sorgenfalten auf die Stirn treibt, ist die rapide Abnahme des flüssigen Brotes, denn noch sind wir gut zwei Tagesetappen von Strenči, der nächsten Einkaufsmöglichkeit, entfernt. Also wird eine Rationierung beschlossen.

 

 

 

Kaum haben wir abgelegt, legen wir auch schon wieder an. Unser Besichtigungsziel ist der nahe gelegene Biwakplatz, auch

 

schön auf einem hohen Ufer gelegen. Noch sind wir nicht darauf angewiesen, denn ein herrlicher Sandstrand reiht sich an

 

den anderen. Geruhsam trägt uns die Gauja weiter stromabwärts, vorbei an steilen Sandhängen, Wald, ebenen Uferabschnitten

 

und ab und zu noch über einen Seegrasteppich. Hin und wieder begleiten uns leichte Regenschauer, wo von auch besonders die leichtgewichtigen Bremsen angelockt werden, um ihren Blutzoll zu fordern.

 

 

 

Außer uns gibt es doch noch andere Paddler auf dem Fluß, denn bald entdecken wir zwei am estnischen Ufer liegende Schlauchboote. Winken in Richtung der oberhalb lagernden Crew ist selbstverständlich Ehrensache. Einige Kilometer weiter herrscht reges Treiben, ebenfalls auf estnischer Seite. Allem Anschein nach wird dort gerade ein neuer Biwakplatz angelegt.

 

 

 

Hoch am Himmel zieht ein Seeadler seine harmonischen Kreise.Spuren im Sand. verraten die Anwesenheit von Elchen. Zu Gesicht bekommen haben wir sie während unserer Mittagsrast leider nicht (vielleicht auch zum Glück?). Ab und zu scheuchen wir einen Biber auf, der sich aber nur durch sein Platschen beim Rutschen ins Wasser verrät. Allgegenwärtig sind seine

 

Spuren, wo von die auffälligsten an den charakteristisch bearbeiteten Bäumen zu sehen sind. Beim genaueren Betrachten der

 

Ufer sind ebenso die typischen Biberrutschen zu finden. Der derzeitig niedrige Wasserstand erlaubt sogar einen Blick in die

 

Eingänge ihrer Bauten, die normalerweise unter dem Wasser liegen.

 

 

 

Nach kilometerlanger Einsamkeit paddeln wir nahe des Ortes Rātes an ein paar Häusern entlang, deren Grundstücke von Hunden gegen uns vermeintliche Eindringlinge lautstark verteidigt werden. Kurz dahinter neigt sich ein Baum elegant über den Fluß. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis er sich vollständig löst und für immer im Wasser versinkt. Manchen Baum hat dieses Schicksal schon ereilt, denn etwas weiter stromabwärts halten sich Holz und Wasser durchaus die Waage.

 

 

 

Nach diesem Hindernisparcour folgen einzelne, kurze muntere und harmlose Schwallstrecken. Danach flacht die Gauja wieder ab. Erneut müssen wir uns durch abgelagerte Stämme und Äste unseren Weg bahnen. Ausgerechnet vor den Augen rastender Paddler hängen wir prompt vor einem besonders dicken Stamm und manövrieren etwas schwerfällig an ihm entlang, bis wir

 

endlich an ihm vorbei sind. Rosi und Peter können's aber noch besser und bauen sich ordentlich mittig auf den Stamm auf. Somit hat jeder seinen Beitrag zur Unterhaltung geleistet, und nach der Befreiung vom Stamm setzen wir unter Lachen und Winken unsere Tour fort.

 


 

Abermals paddeln wir an einer unglaublich langen Sandbank vorbei, der sich einige Meter weiter eine ebenso große anschließt. Hier endet unsere heutige Etappe. Schnell ist das Lager aufgebaut, und Peter wal tet seines Amtes als Bannock-Bäcker. Somit ist zumindest der eine Brotvorrat aufgefüllt. Bloß mit der morgendlich beschlossenen Rationierung klappt es doch nicht. Der Durst gewinnt die Oberhand. Peters lapidarer Kommentar: "Halte mich bloß das nächste Mal davon ab, zu wenig Bier zu kaufen!"

 

 

 

 

 
   

 

Sa., 29.07.06 Ein Tarp mit acht Beinen

 

Abfahrt:    12:05h    /  Rast: 14:20-15:30h kurz vor der Brücke der P24

 

Rast: 16:30-16:55h BP fkm 200  /  Ankunft:  18:45h                          

 

 

 

Keiner scheint es heute morgen besonders eilig zu haben. Die Sonne macht sich rar, und vielleicht liegt es ja am bewölkten Himmel, dass wir so herum trödeln und erst gegen Mittag ablegen. Lange sind wir auch nicht auf dem Wasser, als die Wolken sich sachte ihres Inhaltes entleeren. Mit den ersten Tröpfchen, die sich sehr steigerungsfähig zeigen, sind auch sofort die be-reits bekannten Plagegeister wieder zur Stelle und einsatzbereit. Also hat eine Anlandung zwecks angepasster Kleidung äus-serste Dringlichkeit. Als Nässeschutz erfüllt zumindest meine Regenhose allerdings eine eher untergeordnete Funktion, da ich mich beim Anziehen der Erdanziehungskraft nicht widersetzen kann. Ebenfalls vom Regen aufgescheucht huscht derweil ein kleiner Nerz am gegenüberliegenden Ufer entlang, wohl auf der Suche nach einem trockenen Unterschlupf.

 

 

 

Endlich kann's weitergehen. Immer häufiger ragen glatt geschliffene Findlinge aus dem Fluß heraus, der an einigen Stellen abermals dicht verkrautet ist. Wie schon gestern paddeln wir an steilen Sandufern und zahlreichen großen Sandbänken vorbei. In der Innenkurve einer Linksbiegung haben sich im Laufe der Zeit unzählige Steine unterschiedlicher Größe angesammelt, so dass hier ein kleines Refugium für verschiedene Pflanzen entstanden ist. Ungewohnt spritzig führt die Gauja um das idyllische Plätzchen herum. Aber bald darauf strömt sie wieder gemächlich dahin.

 

 

 

Eine trockene Phase nutzen wir für unsere Mittagsrast, besser gesagt Nachmittagsrast. Kaum ist aber wieder alles verstaut, beginnt es erneut zu regnen, so dass wir noch etwas abwarten, bevor wir ablegen. Der Regen lässt tatsächlich nach. Aber es ist nur ein kurzes Atemholen, dem ein noch intensiverer Guß folgt. Jetzt muß ein großflächiger Schutz her und ist auch schnell zur Hand. Vier Paddler verschwinden unter einem Tarp, und Passanten wären sicherlich über die achtbeinige Plane sehr verwundert.

 

 

 

So wie der Regen nachlässt, sind wir wieder auf dem Wasser, und nach ein paar Kurven überspannt die erste Brücke seit Gaujiena den Fluß. Der Wald wird dichter. Im feuchten Sand der Uferregionen und an den Bäumen sind immer wieder frische Spuren der holzverarbeitenden Bevölkerung zu entdecken. Manche Sandbank inmitten des Flusses übt immer noch eine gewaltige Anziehungskraft auf uns aus, so dass wir uns mal ziehend, mal schiebend wieder ins tiefere Fahrwasser begeben müssen.

 

 

 

Ein Biwakplatz, wie die anderen wunderschön auf dem Plateau eines Steilhanges gelegen, rückt ins Blickfeld, mal wieder eine willkommener Grund, um anzulanden und sich die Beine zu vertreten. Für eine Weile behauptet sich sogar das Blau des Himmels, bevor dunkle Wolken wieder die Oberhand gewinnen, dieses Mal von anrollendem Donnergrollen begleitet Glücklicherweise bleibt es nur bei der Drohgebärde, und so nehmen wir die Begleitmusik des fallenden Regens gerne in Kauf, zumal es wunderbar windstill ist. Wir folgen weiterhin dem kurvigen Flusslauf, der nach einer scharfen Rechtsbiegung die links mündende Vija aufnimmt.

 

 

 

Schließlich verziehen sich auch die letzten Wolken und als wir auf einer riesigen Sandbank unsere heutige Etappe beenden, zeugen nur noch unsere nassen Sachen und das angesammelte Wasser in den Booten von den hinter uns liegenden Wetterverhältnissen wie auch der Nebel, der in der Dämmerung langsam vom Fluß aufsteigt.

 

 

 

 

 
   

 

So., 30.07.06 Ende der Durststrecke

 

Abfahrt:    10:30h  /  Rast: 12:55-13:45h   /   Einkauf: 17:00-18:15h in Strenči

 

Ankunft:  18:30h     zw. Brücke und Badeplatz Strenči                                        

 

 

 

Immer noch etwas trübe zeigt sich der Himmel, als wir unsere Tour fortsetzen. Seit dem Eintritt in die Waldlandschaft machen sich Sandbänke an der Gauja rar, und ihr Lauf  windet sich nur noch selten um eine enge Kurve. Es geht streckenweise nur mühsam voran, und wir sind dankbar für jede noch so geringe Biegung, die uns zumindest zeigt, dass wir doch vorwärts kommen. Deshalb versetzen uns einige kleine Stromschnellen schon fast in einen Geschwindigkeitsrausch. Fast nicht zu glauben, aber an einer Stelle hat sich sogar ein Kehrwasser gebildet, welches Rosi und Peter sofort nutzen. Um ehrlich zu sein, es handelt sich eigentlich nur um ein Kehrwässerchen, das Wildwassererfahrenden wohl nur ein müdes Lächeln abringen würde. Aber immerhin – Abwechslung tut gut! Manches Mal tasten wir uns an breiten Sandbänken entlang, um in der Fahrrinne zu bleiben, manches Mal hilft dabei nur noch eine kurze Treideleinlage.

 

 

 

Weniger Biberspuren und immer häufiger zu hörende Verkehrsgeräusche lassen darauf schließen, dass Strenči  nicht mehr weit sein kann. Nach einer weiten Linksschleife taucht schließlich die Straßenbrücke nach Strenči vor uns auf. Das Aufatmen unserer Hintermänner ist fast körperlich spürbar, heißt das doch, bald kann eingekauft werden. Zunächst landen wir aber noch an dem hinter der Brücke liegenden Platz an und erfahren von den Anwesenden, dass hier auch gelagert werden kann. Da sich die kleine Gruppe anscheinend nur für einen Feierabendtrunk getroffen hat, ziehen wir den Platz schon einmal in Betracht. Ideal ist er nicht, da er von der Straße gut erreichbar ist und zu dicht an der Brücke liegt, die sich bei der Kontaktaufnahme mit dem rollenden Verkehr lautstark bemerkbar macht.

 

 

 

Priorität hat erst einmal die Auffüllung unserer Vorräte, und so paddeln wir zu der 600m stromabwärts liegenden kleinen Badebucht Strenčis, um dort anzulanden und einzukaufen. Bepackt mit Köstlichkeiten wie z. B. Krebsfleisch für ein feines Abendessen und natürlich Bier, so viel die Männer tragen können, kehren wir wie-der zu den Booten und Rosi zurück.

 

 

 

Als alles in den Booten verstaut ist, werden wir von einem Herrn auf deutsch angesprochen. Für ihn sei es, so erklärt er uns, eine willkommene Gelegenheit, sich mal wieder in der Sprache zu unterhalten, die er studiert habe. Uns ist es ebenso recht, denn auf diese Weise erfahren wir, dass es auf den nächsten Kilometern mit einem geeigneten Lagerplatz eher schlecht aussieht.

 

 

 

Damit ist die Entscheidung für unseren heutigen Standort gefallen, und die 600m werden noch einmal gepaddelt, diesmal stromaufwärts und aufgrund der sehr geringen Strömung nicht besonders kräftezehrend. Nur der bisher ungewohnte Gepäcktransport auf den kleinen Hang entkräftet anscheinend etwas, weshalb auch das anschließende, heiß ersehnte Bier

 

besonders gut zischt.

 

 

 

Während wir schon wieder gemütlich am offenen Feuer sitzen, wabern Nebelschwaden langsam aus der Stadt. Auf ihrem Weg zum Fluß bleiben sie in der kleinen Badebucht hängen, als ob sich dort eine unüberwindbare Barriere gebildet hätte. Dichter und höher wird die Nebelwand. Schließlich fällt sie doch etwas zusammen, schiebt sich langsam über das Wasser, um mit der sanften Strömung von dannen zu ziehen.

 

 

 

 

 

Mo., 31.07.06            Die "wilde" Gauja

 

Abfahrt:    11:15h    /  Rast: 13:40-14:40h   /  Rast: 15:20-15:40h

 

Ankunft: Am linken Ufer ca. 1 km hinter BP fkm 149,6                      

 


 

Um bloß nicht wieder in "Not" zu geraten, wird nochmals der kleine Laden in Strenči aufgesucht, in dem freundlicherweise auch unsere Trinkwassersäcke aufgefüllt werden. Dermaßen gut versorgt,erweisen wir dem ewigen Flößer, einer Holzskulptur, noch unsere Referenz, bevor wir wieder ablegen.

 

 

 

Als sich ein paar Kilometer stromabwärts die Eisenbahnbrücke vor uns erhebt, erwarten wir voller Spannung die vor uns liegenden sieben "Stufen", deren erste unter der Brücke vielversprechend ist. Tatsächlich bahnt sich die Gauja ihren Weg auf den nächsten etwa vier Kilometern endlich mal mit etwas flotterer Strömung über einige leichte Schwellen. Mit dem Zählen sind wir wohl etwas durch einander gekommen, auf die Zahl "Sieben" sind wir nicht gekommen. Am Wasserstand kann es auch nicht gelegen haben, denn der ist eher zu niedrig als zu hoch. Trotz alledem, wir sind auf einem interessanten Streckenabschnitt gepaddelt.

 

 

 

Wer bisher am Vorhandensein von Wölfen zweifelte, der wird durch eine besondere Konstellation an einem Ufer eines Bes-seren belehrt. Wozu sonst wird ein dreistöckiges "Russisches WC" gebraucht? Jeder dieser Stöcke hat eine überaus wichtige Funktion. Ein Stock wird gebraucht, um das Toilettenpapier griffbereit zu haben, der zweite, um sich festzuhalten und der dritte schließlich, um die Wölfe zu verjagen.

 

   

 

Wieder begleiten steile Sandhänge den Flußlauf, der in weiten Schleifen durch einen schönen, beidseitigen Mischwald führt. Nur schöne Sandbänke sind kaum noch zu finden. Vereinzelt zieren zwar noch einige die Ufer, aber leider sind diese zu klein, um darauf zu lagern. Zunehmende Baumleichen erfordern dafür wieder etwas mehr Aufmerksamkeit. Konzentrieren wir uns mal etwas mehr auf die Umgebung, zieht das sofort die Strafe nach sich. Diesmal erwischt es uns richtig. Der Stamm hält fest, was er eingefangen hat. Nur mit ein paar gymnastischen Einlagen auf dem schlüpfrigen Untergrund können wir uns wieder befreien. Ohne einen erzwungenen Waschgang bekommt der Canadier wieder genug Wasser unter sein Kiel, so dass wir die Tour fortsetzen können.

 

 

 

Auf der Suche nach einem Lagerplatz landen wir am Zufluß des Abuls am linksufrigen Biwakplatz an. Da dieser etwas zu klein ist und die oberhalb der Mündung gelegene Wiese in einem Meer von Bierflaschen versinkt, paddeln wir weiter. Wenige Meter stromabwärts scheint ein Campingplatz zu liegen, den einige Häuser umsäumen. Dröhnende Bässe im Hintergrund lassen uns aber schnell weiter paddeln.

 


 

Etwa einen Kilometer vom Zufluß des Abuls entfernt finden wir schließlich einen schönen, noch sonnenbeschienenen Platz im lichten Wald. Hinter uns liegt eine abwechslungsreiche Etappe, auf der sowohl die Arm- als auch die Beinmuskulatur des öfteren trainiert worden sind. Bald brutzelt das lecker marinierte Fleisch im Topf, welches in Lettland für Schaschlik verwendet wird, eine besonders kulinarische Variante, welche die Geschmacksnerven jubilieren lässt.

 

 

 


 

 

Di., 01.08.06 Wasser im Überfluß

 

Abfahrt:    10:15h  /  Rast: 11:05-14:30h in Valmiera  /  Ankunft:  17:20h BP Sapa

 

 

 

Unsanft reißt uns am frühen Morgen ein ratterndes Geräusch aus dem Schlaf. Etwas bewegt sich auf uns zu. Traum oder Wirklichkeit? Es braucht eine Weile, bis wir das, was anscheinend direkt auf uns zu rollt, als Zug identifizieren, der sich fast nach Erreichen der Schmerzgrenze aber ebenso schnell wieder entfernt. Durch den ungewöhnlichen Schlafraub gelingt uns ein für unsere Verhältnisse früher Start, denn es ist gerade mal Viertel nach Zehn, als wir die Paddel wieder ins Wasser tauchen.

 

 

 

Die Gauja führt uns an einigen Biwakplätzen vorbei, deren letzter fast schon im Stadtzentrum von Valmiera liegt, ein idealer Ausgangspunkt für Spielereien an der nahe gelegenen Slalomstrecke. Die sich hinter dem Platz erhebende Fußgängerhängebrücke ist bereits zu sehen. Nur noch eine enge Rechtskurve sowie eine Linksbiegung trennen uns von dem künstlich angelegten Parcour. Wir paddeln um die erste Kurve. Noch ist kein Rauschen zu hören, und wir fragen uns insgeheim schon, ob es die Strecke überhaupt noch gibt. Wir paddeln um die zweite Kurve. Vor uns türmen sich ein paar Findlinge auf, Slalomstangen hängen über dem Fluß, der sich leise rauschend seinen Weg durch die angelegten Hindernisse sucht.  Zur näheren Besichtigung landen wir an der vorgelagerten Sandbank am linken Ufer an. Schnell ist die optimale Route ausgeguckt, die zu unserer Erleichterung selbst mit vollgeladenen Canadiern zu bewältigen ist.

 

 

 

In ihrer Ruhe gestört, verlässt derweil eiligst eine Ringelnatter ihr Versteck zwischen den Ufersteinen, um sich auf der Wiese

 

zusammengerollt dem vermeintlichen Feind zu stellen.

 

 

 

Nachdem sich Fotograf Peter positioniert hat, heißt es: "Start frei!" Michael und ich nehmen Kurs, und ehe wir uns versehen, passieren wir schon den letzten Steinblock, hinter dessen Kehrwasser wir einfahren, um anzulanden und nun die ebenfalls bravouröse Slalomfahrt der zweiten Bootsmannschaft ins rechte Bild zu setzen. Nach dieser kleinen sportlichen Einlage paddeln wir etwa einen Kilometer weiter bis zum Zufluß des Baches Rates, der unterhalb des Burghügels Valterkalnis rechts in die Gauja mündet.

 

 

 

Über die Anhöhe führt ein Weg direkt zum Zentrum Valmieras, vorbei an einem geradezu viel versprechenden Restaurant. Nicht nur Michaels Gelüste sind geweckt. Warum sollen wir den Verlockungen widerstehen, uns mal wieder kulinarisch verwöhnen zu lassen? Doch zuvor wird eingekauft, und ein Supermarkt ist schnell gefunden. Hier haben wir die Qual der Wahl. Kopf und Bauch streiten sich, doch schließlich siegt die Vernunft. Aufgrund der räumlichen Verhältnisse beschränken wir uns aufs Allernötigste und ziehen trotzdem mit prall gefüllten Taschen wieder ab. Über den anschließenden kulinarischen Abstecher können wir einhellig sagen, es hat sich gelohnt! Zudem haben wir die Chance genutzt, unser Trinkwasser  aufzufüllen und es nicht so weit tragen zu müssen.

 

 

 

Dermaßen gestärkt setzen wir die Kanutour fort und paddeln mit leisem Bedauern an einem romantischen Café vorbei, welches sich mit dem hügeligen Ufer zu vereinen scheint. Leider wird der schöne Eindruck bald etwas getrübt, denn die Schattenseite der Stadt macht sich bemerkbar, zuerst über den Geruchssinn. Doch glücklicherweise trüben die kloakenartigen Einleitungen nur den linken Bereich der Gauja ein und scheinen sich mit dem Wasser der rechten Flusshälfte nicht zu vermischen.

 

 

 

Als wir die Brücke der Umgehungsstraße Valmieras queren, trennt uns nur noch etwa ein Kilometer vom Beginn des Gauja-Nationalparkes. Da Wald inzwischen wieder das tiefer gewordene Flußbett der Gauja begrenzt, verläuft der Eintritt völlig unspektakulär. Auch nach der rechtsseitigen Mündung der Jumāra paddeln wir noch durch die gleiche waldige Landschaft in der kaum noch Sandbänke zu finden sind. Einer dieser seltenen, mitten im Fluß gelegnen Sandbank nähern wir uns geräuschlos, um den sich dort aufhaltenden Schwarzstorch nicht zu stören. Der fühlt sich dennoch gestört, aufs Foto will er auch nicht gebannt werden. Noch bevor die Kamera richtig einsatzbereit ist, erhebt er sich schon, und weg ist er.

 

 

 

Da der noch in der Karte verzeichnete Biwakplatz "Vitoli" augenscheinlich nicht mehr existiert, paddeln wir bis zum Biwakplatz "Sapa", um dort den heutigen Tag zu beenden. Dieser zeichnet sich nicht nur durch seine gute Anlandestelle aus,  sondern auch durch einen bequemen, kurzen Weg zum eigentlichen Platz. Tische, Bänke sowie eine Feuerstelle laden zum Verweilen ein, nur das WC-Häuschen nicht, denn das Loch darin zu treffen scheint für manche eine kaum zu schaffende Herausforderung zu sein.

 

 

 

Kaum ist das übliche Gepäckchaos etwas sortiert und die Zelte stehen, begibt sich Rosi auf Entdeckungstour. Als sie wiederkommt, berichtet sie, wir bekämen vom nahe gelegenen Haus Trinkwasser. Sie wisse aber nicht genau, was der Mann gesagt habe und habe irgendetwas mit „30“ verstanden. Also harren wir der Dinge, die da kommen sollen. Kurze Zeit später fährt ein Auto vor und entlädt einen Wasserkanister nach dem anderen. Schließlich reihen sich 40 Liter Wasser vor uns auf, und das kostenlos, denn auf unsere Nachfrage winkte der freundliche Spender nur lachend ab.

 

 

 

Was macht man mit so viel Wasser? Duschen! Dringend nötig ist das nicht unbedingt, bisher hat ein Bad in der Gauja immer gereicht, aber Spaß macht es trotzdem. Derarten gesäubert wird die Zubereitung des Abendessens in Angriff genommen und schon bald ziehen aromatische Düfte von gebratenem Lachs über den Platz. Zum Schluß noch die Sahne zum Verfeinern. Nochmals abschmecken und ausspucken ist fast eine Bewegung – nicht weil die Sahne sauer geworden, sondern gesüß tist! Es wird noch gerettet, was zu retten ist, damit der schöne Lachs nicht als Viehfutter endet.

 

Mi., 02.08.06             Ruhetag

 

 

 

Regentropfen klopfen auf die Zeltwand. Dieses Geräusch ist sicherlich nicht die "Begleitmusik", die wir uns gewünscht haben. Dementsprechend ist unsere Motivation zum Aufstehen nicht sehr hoch. Noch geringer ist sie heute anzusetzen, wenn es ums Weiterpaddeln geht. Der Platz gefällt uns, Wasser haben wir vorerst genug, also warten wir erst einmal ab. Sollte das "Konzert" bis 14 Uhr nicht beendet sein, paddeln wir erst morgen weiter.

 

 

 

Es regnet tatsächlich bis kurz vor unserer vereinbarten Zeit. Obwohl sich die Sonne etwas blicken lässt, hat inzwischen die Trägheit von uns Besitz ergriffen, die uns erfolgreich daran hindert in Arbeitshektik zu verfallen, nur um noch ein paar Kilometer weiter zu kommen. So strolchen die Einen durch die Gegend, in der zahlreiche Spuren wie angenagte Bäume sowie große Ameisenhügel auf die Bewohner hinweisen, und die Anderen halten ausgiebigen Nachmittagsschlaf.

 

 

 

Zum Abendessen gibt's heute eine frische Beilage: Gauja-Nationalpark-Johannisbeeren, eine Ausbeute der Streifzüge. Neben der Feuerstelle stapelt sich jede Menge abgestorbenes Holz, welches Rosi und Peter per Canadier vom gegenüber liegendem Ufer heran geschafft haben, so dass wir auch diesen so überaus feuchten Tag am prasselnden Feuer ausklingen lassen können. 

 

 

 

 

 
   

 

Do., 03.08.06            Entfaltung der farbigen Wände

 

Abfahrt:    11:05h  /  Rast: 13:15-16:10h bei Liepa  /  Ankunft: 18:20h BP "Priedulājs"

 

 

 

Rosige Aussichten erwarten uns am Morgen nicht, aber wenigstens stellen sich die anfänglichen Regenschauer relativ schnell wieder ein.

 

Nach einem Tag Pause zieht es uns auch wieder aufs Wasser, und wir freuen uns auf die Felsenwelt des Nationalparkes. Dessen urwüchsige Schönheit entfaltet sich bereits nach wenigen Paddelzügen, als die ersten malerischen Sandsteinfelsen auf einer Länge von 300 m das rechte Ufer zieren und sich die glatten weißen Wände im Wasser widerspiegeln. Zahlreiche eingeritzte Namen und Daten zeugen von den vielen Wasserwanderern, die sich hier schon verewigt haben. Der nächste weiße Sandsteinfelsen, der "Sietiņiezis" ("Teufelsferse"), lässt nicht lange auf sich warten.

 

 

 

Eine Sandbank lädt zum Anlanden ein, über die der eindrucksvolle Felsen sein eiskaltes Wasser aus einer Grotte entlässt. Nach dem steilen Aufstieg zu dem großflächigen Rastplatz auf dem Plateau genieße ich den Blick auf das herrliche Panorama der Flusslandschaft sowie auf den sich unten bewegenden Rest unserer Kleingruppe und die am Ufer liegenden Canadier, von hier oben zu Miniaturen geschrumpft.

 

Anscheinend lassen sich die Sandsteinwände sehr gut bearbeiten, denn fleißige Baumeister verwandelten den "Sietiņiezis" im Laufe der Zeit in eine löcherige Stadt, die zahlreichen Uferschwalben Unterschlupf gewährt.

 


 

Wir paddeln an dem Biwakplatz "Girviņi" vorbei, der am linken Ufer kurz vor einer Rechtskurve liegt. Etwa einen Kilometer weiter mündet links der Griviņupite unterhalb des Griviņuiezis in die Gauja. Kaum flachen die Uferzonen wieder ab, kündigen sich bereits die nächsten Steilhänge und Sandsteinwände an und prägen damit das waldige Tal, durch das sich die Gauja in sanften Bögen windet. Ein Ensemble zerfallener Gebäude eines ehemaligen Werkes scheint gar nicht so recht in das pittoreske Urstromtal zu passen, geben aber einen Hinweis darauf, dass von hier aus ein Weg nach Liepa führt. Ein Grund zum Anlanden, um mal wieder für Nachschub zu sorgen.

 

 

 

Doch vor dem Eintritt in ein Geschäft steht die Odyssee, die es uns immerhin ermöglicht, die nähere Umgebung zu erkunden und stromabwärts schon mal einen Blick auf die Gauja zu werfen. Endlich auf den richtigen Weg dürfen wir auch noch ein riesiges Werksgelände besichtigen, bevor wir in Liepa ankommen, wo sich mehrere kleine Läden ziemlich am Ortsanfang an der Hauptstraße befinden.

 

Auch der Rückweg birgt so seine Tücken, woran das bereits erwähnte Werksgelände nicht ganz unschuldig ist und für einige Irrwege sorgt. Schließlich erreichen wir wieder die Stelle, an der wir Peter und die Boote zurück gelassen haben.

 

 

 

Nach einem kleinen Imbiß tauchen wir wieder in die Stille ein und passieren den links auf einem Plateau gelegenen Biwakplatz "Rauna". Etwa 100 m weiter mündet das gleichnamige Flüßchen links in die Gauja. Kurze Zeit später erhebt sich der prächtige rote "Kazu iesis“ (Ziegenfelsen) am linken Ufer, dessen gestochen scharfes Ebenbild auch auf dem Wasser zu bewundern ist.

 

 

 

Weiter stromabwärts verdeckt links ein lang gezogener Steilhang die Ortschaft Jaņmuižas, der sich die Gauja nähert. Sie entfernt sich wieder und nähert sich dem Ort nach einem weiten Bogen nochmals, bevor sie ihn endgültig hinter sich zurück lässt und auf eine der wenigen Straßen zuströmt. Der rechtsufrige Biwakplatz "Jāņarāmis" liegt direkt liegt direkt an dieser Straße und dient den Reifenspuren nach zu urteilen als eine Art Ralley-Rondell. Kein Platz für uns! Wir nehmen Kurs auf den nächsten Biwakplatz.

 

 

 

Die Straße verläuft parallel zum Fluß bis kurz hinter eine 90°-Rechtskurve, wo sie die Gauja nach Rāmnieki kreuzt und sich anschließend in Richtung Cēsis entfernt. Donnergrollen lässt uns vorsichtshalber hinter der Brücke anlanden, doch es bleibt nur bei der Drohgebärde. Nach dieser kurzen Zwangspause erreichen wir ohne nassen Gruß von oben den Biwakplatz "Priedulājs", auf einem schönen Plateau am rechten Ufer gelegen, wodurch die Gepäckschlepperei einigermaßen entschädigt wird.

 

 

 

 

 

Fr., 04.08.06             Im Wochenendstrom

 

Abfahrt:    9:50h    /  Einkauf + Rast: 11:50-12:35h / 12:50-13:40h in Cēsis

 

Ankunft: 15:40h BP Briedĩši

 

 

 

Bei freundlicherem Wetter als gestern verlassen wir noch vor 10 Uhr den Biwakplatz. Nach einigen Flußbiegungen beherrscht der bis zu 22m hohe mächtige Adlerfelsen ("Ērģeļu Klintis") das Panorama, von deren hoher Kante Winzlinge zu uns herunter winken. 700m lang begrenzen Lettlands größte Klippen und beliebteste Touristenattraktion das linke Ufer der Gauja.

 

 

 

Hinter dem linksufrigen Biwakplatz "Lenči" mündet rechts der Striķupe und vereinzelte Inseln sorgen für etwas Abwechslung. Nach einigen sanften Bögen fließt die Gauja am rechts liegenden Biwakplatz "Lenčupe" vorbei und nimmt das knappe Wasser des gleichnamigen Flüsschens auf. Hinter der Straßenbrücke der P14 nach Cēsis liegt eine kleine Sandbank, ideal zum Anlanden, um sich auf den Weg in die Stadt zum Einkaufen zu begeben.

 

 

 

Nach gut 1,5 km an der allmählich ansteigenden Straße entlang brauchen wir nicht lange nach entsprechenden Läden zu suchen. Deren Auswahl ist zwar etwas eingeschränkt, aber für unsere

 

Bedürfnisse ausreichend, so dass wir mit gefüllten Taschen zum Fluß zurückkehren.

 

 

 

Lange paddeln wir allerdings nicht, denn nach etwa 200m weckt hinter einer Insel am linken Ufer ein Bootsanleger unsere Neugier. Keine Frage, die muß natürlich befriedigt werden. Wir landen an und sehen uns auf dem dazu gehörenden kleinen Campingplatz etwas um. Da auch die Eigenversorgung nicht zu kurz kommt, nutzen wir das erneute Anlegen auch gleich für eine längere Rast, geschmackvoll verschönert durch lettische, eingelegte Heringshäppchen – eine Delikatesse.

 

 

 

Im weiteren Verlauf paddeln wir am rechtsufrigen Biwakplatz "Kvēpene" vorbei und nehmen in der Stromschnelle "Rakstu" mal ein wenig Tempo auf, hinter der links der Rakšupe mündet. Hin und wieder teilen kleine Inseln die gemächlich fließende Gauja. Nach einem Steilhang, der sich hinter einer Rechtsbiegung am linken Ufer erstreckt, schließt sich eine idyllische Wiese an, ideal zum Zelten, aber Verbotsschilder schließen das aus. Müde Paddler brauchen trotzdem nicht mehr lange durchzuhalten, denn kurz dahinter können sie auf dem Biwakplatz "Briedĩši" Quartier nehmen. Unbedingt darauf angewiesen sind wir noch nicht, aber das nicht ganz so steile Ufer animiert uns doch dazu hier unsere Zelte aufzuschlagen.

 

 

 

Während wir uns gemütlich einrichten, ziehen zwei Flösse vorbei. Der Wochenendbetrieb des Nationalparkes hat also begonnen, in den wir eigentlich nicht geraten wollten. Die Praxis sieht eben manchmal etwas anders aus als geplant, und da wir nicht auf der Flucht sind, kommt es uns auf ein paar mehr oder weniger Kilometer am Tag auch nicht an. Später bekommen wir auf dem Platz Gesellschaft von einer russischen und einer lettischen Paddelgruppe. Die einen suchen bei uns die "Administration", von den anderen werden wir überrascht "Do you living here?" gefragt, als sie unsere Zelte sehen. Wahrscheinlich haben sie noch keinen gesehen, der mit Tipi oder Campfire auf Kanuwandertour geht.

 

 

 

Als wir beschließen, den lettischen Paddlern einen Besuch abzustatten, ahnen wir nicht im Geringsten, was sich daraus entwickeln sollte. Mit einem Vorrat an Bier – wir wollen schließlich nicht mit leeren Händen ankommen – marschieren wir los. Der Kontakt ist schnell hergestellt, und es wird ein amüsanter Abend, woran der Wodka nicht ganz unschuldig ist, der plötzlich immer schneller kreist. Wodka sei besser als Bier, lautet die einhellige Meinung der Einheimischen, da Bierflaschen viel zu viel Platz bräuchten.

 

 

 

Sie bestätigen unsere Ansicht, die Gauja habe weniger Wasser als üblich, was sich einerseits unvorteilhaft auf die Strömung auswirke, andererseits positiv für Paddler sei. "Zehn (Flösse) vor dir, zehn hinter dir" (die zahlreichen Kanu- und Schlauchbootfahrer nicht eingerechnet) beschreibe die Situation einigermaßen, wenn die vier Faktoren "schönes Wetter, Wochenende, Sommer, normaler Wasserstand" zusammentreffen. Als wir in der Dunkelheit wieder zu unseren Zelten gehen, klingen uns immer noch die Ratschläge in den Ohren, dass wir auf keinem Fall versäumen sollen, den Städten Cēsis und Sigulda einen Besuch abzustatten.

 

 

 

 

 
   

 

Sa., 05.08.06             Lange Arme und kleine Schwälle

 

Abfahrt:    12:15h  BP Briedĩši  /  Rast: 14:05-14:50h kurz vor BP Katrĩna  /  Ankunft: 16:55h BP Bērzi

 

 

 

"I'm still living." – Schicksalsgekrönte Worte, die uns mit auf dem Weg gegeben werden, als wir uns von der lettischen Paddlergruppe gegen Mittag verabschieden.

 

 

 

"Hinter dem Biwakplatz Briedĩši fließt die Gauja majestätisch zwischen Steilhängen und dem Wald auf beiden Seiten des Flussbettes. Es hat den Anschein einer ansteckenden Leere…", lautet der Text einer polnischen Beschreibung des Flusses. Die scheint auch auf uns zu wirken, obwohl sich landschaftlich eigentlich nichts geändert hat, nur die Breite der Gauja hat zugenommen. Wir quälen uns mehr oder weniger stromabwärts, mit dem Gefühl,  ihr jeden Kilometer mit immer länger werdenden Armen abzuringen. An der mäßigen Strömung ändert auch der Zufluß der Amata wenig, die links trichterförmig mündet. Pittoreske Sandsteinfelsen begleiten nach wie vor den Flusslauf. Hin und wieder münden kleine Flüsse bzw. deren wasserlose Gräben in die Gauja. Erst mit der Insel "Enkursala" hinter einer Linksbiegung verliert sich die "Leere".

 

 

 

Kurz vor der links liegenden Ortschaft Skajupes mündet der Skajupe in die Gauja, der dem 500m stromabwärts gelegenen Biwakplatz seinen Namen gegeben hat. Dieser bietet uns eine willkommene Gelegenheit, sich mal wieder zu strecken und die Beine zu vertreten. Nachdem wir abgelegt haben, paddeln wir an einer Insel mit einem herrlichen Sandstrand vorbei. Bald darauf beleben ein paar kleine, muntere Schwälle unsere Fahrt.

 

 

 

Noch ist keine Völkerwanderung auf dem Wasser unterwegs, aber der Betrieb auf dem Fluß nimmt deutlich zu. Außer den bereits gesichteten Flößen sind auch andere Kanufahrer unterwegs, und Schlauchbootbesatzungen manövrieren mehr schlecht als recht auf der Gauja herum.

 

 

 

Die einzige Fähre unserer Kanutour  kreuzt die Gauja und verbindet das rechte Ufer mit dem Ort Lĩgatne.

 

Weiterhin bilden Steilhänge sowie bunte Sandsteinwände mit Höhlen und Grotten wie z. B. der majestätische "Gūdu Klintis" abwechslungsreiche Uferpartien. Im weiteren Verlauf windet sich die Gauja eng um eine Linkskurve, an deren rechten Ufer sich der Steilhang "Katrĩna" erhebt, ein erhabener Blickfang von dem Plätzchen gegenüber, den wir für unsere Rast wählen. Nur wenige Meter weiter nimmt der Biwakplatz "Katrĩna" das Plateau des linken Ufers ein. Beschwingt – da ohne Gepäck – erklimmen wir den Hang, um den als besonders schön geltenden Platz zu besichtigen. Schön ist er, ohne Frage, aber unsere bisherigen Lagerplätze stehen ihm in nichts nach. So paddeln wir in dem Wissen weiter, bisher nichts Besonderes verpasst zu haben.

 

 

 

Hinter dem rechts liegenden Biwakplatz "Paslavas" verbreitert sich das Tal zusehends, und die Gauja legt zwischen ihren sanften Biegungen lange Geraden zurück. Dieses Mal ist der windige Geselle mit uns im Bunde, als wolle er uns schnellstens zu einem Lagerplatz verhelfen. Mit seiner Unterstützung lassen wir noch den folgenden, rechten Biwakplatz "Brasla" an der Mündung des gleichnamigen Flüsschens hinter uns. Nach einer scharfen Linksbiegung und einer Insel landen wir am Biwakplatz "Bērzi" an, den wir aufgrund seiner Lage auserkoren haben. Sigulda ist nicht mehr weit entfernt, was uns hoffen lässt, dass der Platz deshalb nicht mehr so hoch frequentiert wird.

 

 

 

Ein letztes Mal zerren wir Gepäck und Boote einen Hang  hoch und genießen zuerst einmal das herrliche Panorama, bevor die notwendigen Lagerarbeiten getan werden müssen. Wir lassen den Tag Revue passieren, an dem wir das erste Mal nicht treideln mussten.  Zahlreiche Paddler und einige Flöße ziehen derweil an uns vorbei. Hin und wieder tönen fröhliche Rufe vom Fluß zu uns herüber. Viele von ihnen sehen wir nicht das erste Mal, aber "unsere Letten" vom Vorabend sind nicht darunter, und wir fragen uns insgeheim, ob die überhaupt abgelegt haben.

 

 

 

Während wir mit einem gewürztem Käse, ebenfalls eine lettische Spezialität, unser Abendessen

 

abrunden, macht uns ein Schwarzspecht seine Aufwartung, der hier wohl mal nach dem Rechten sehen will. Über dem Fluß senkt sich die Abendsonne, die mit ihren Rottönen für eine stimmungsvolle Beleuchtung sorgt. Wir genießen ein letztes Mal diese absolute Ruhe in der Natur, die nur vom Knistern und Knacken des brennenden Holzes unterbrochen wird. Voll der meditativen Wirkung der fliegenden Funken verfallen, sitzen wir in Gedanken versunken am Lagerfeuer und denken schon etwas wehmütig an das nahe Ende einer wundervollen Kanutour.

 

 

 

 

 
   

 

So.,06.08.06              Begegnungen

 

Abfahrt:  11:00h BP Bērzi  /  Rast: 12:10-12:45h Brücke vor Sigulda  /  Ankunft: 12:55h CP Sigulda

 

 

 

Die Morgensonne lässt das Wasser glitzern. Ruhe liegt über dem Tal der Gauja. Hoch in der Luft schwebt ein Fischadler auf der Suche nach Beute über den Platz. Wir lassen uns Zeit, denn uns trennen nur noch etwa 9 km vom Ende unserer Kanutour. Während wir unsere Siebensachen zusammenpacken, zeigt sich mal wieder, wie kleine unsere Welt ist. Unsere Aktivitäten auf dem Platz locken zwei Paddler an, die auf unser "Hallo!" sofort zu einem kurzen Palaver an-landen. Es sind die ersten deutschen Kanuten, mit denen wir auf der Gauja zusammentreffen. Das Außergewöhnliche an dieser Begegnung ist aber, dass die auch noch das kleine Wetter kennen, Rosis und Peters Wohnort (kennt übrigens kaum Einer, es sei denn er kommt aus der Marburger Gegend).

 

 

 

Die Beiden sind schon längst wieder unseren Blicken entschwunden, als wir die Boote zur letzten Etappe zu Wasser lassen. Um bloß nicht zu schnell am Ziel anzukommen, überlassen wir uns öfter mal der Strömung, die erstaunlicherweise zügig durch den zauberhaften Wald eilt. Die Paddel haben auch nicht viel zu tun, die meiste Arbeit leistet der Wind, der die Boote ordentlich antreibt. Dessen Kraft weiß auch eine Floßmannschaft sinnvoll einzusetzen, indem sie mit einer Plane ihren schiffbaren Untersatz kurzerhand zum Segelboot umfunktionierten.

 

 

 

Nach einigen sanften Biegungen sind am linken Ufer mit den Turmspitzen die ersten Konturen der Ordensburg Turaida sichtbar, deren mächtiger Komplex bald darauf den Horizont beherrscht. Wenige Augenblicke später verschluckt der Wald wieder die roten Gemäuer. In der Außenkurve eines weiten Rechtsbogens mündet der Vējupĩte in die Gauja, und der gleichnamige Biwakplatz schließt sich an, von dem aus Sigulda für eine Stadtbesichtigung am besten zu erreichen sein soll. Fraglich dürfte es allerdings sein, ob man Boote und Gepäck ohne Aufsicht zurücklassen sollte. Für eins der Flöße ist die Reise bereits beendet, als wir es nach einer engen Linkskurve verlassen an einer Aussetzstelle am rechten Ufer liegen sehen, und etwas Wehmut packt uns, denn auch wir sind bald am Endpunkt unserer Tour.

 

 

 

Nochmals teilt sich die Gauja, und strömt nach der Wiedervereinigung in einem sanften Rechtsbogen durchs Tal, bevor sie den Biwakplatz Sigulda am rechten Ufer passiert. Obwohl sich ihr Flussbett wieder weitet, fließt die Gauja recht flott der Straßenbrücke nach Sigulda entgegen, vor der wir den beiden deutschen Paddlern wieder begegnen. Ihrer Rast schließen wir uns an, der anscheinend ein unfreiwilliges Manöver voraus gegangen ist, da sich Boot und Mannschaft gerade in einem Trocknungsprozeß befinden. Gleichzeitig nutzen wir die Gelegenheit, nochmals einen Blick auf den Flusslauf unter der Brücke zu werfen. Fast schon rasant steuern wir durch den Schwall des linken Brückenbogens. So ist uns noch ein kleines Sahnestückchen zum Schluß vergönnt, denn wenige Minuten später legen wir hinter dem großen Badestrand von Sigulda am Campingplatz an.

 

 

 

Besonders reizvoll wirkt der Platz nicht, dessen offenes Gelände leicht zugänglich direkt an der Straße liegt. Ohne Zelte gleicht er eher einem tristen Parkplatz als einem Campinggelände, so dass ich mich leicht unbehaglich fühle. Vielleicht müssen wir uns nach den ungestörten Tagen inmitten der herrlichen Natur auch nur wieder an solche Umgebung gewönnen? Eins ist sicher, es liegt nicht am geringen Komfort des Platzes oder den Betreibern, denn die sind sehr freundlich.

 

 

 

Nachdem die Zelte stehen, fahren Michael und Peter per Taxi nach Ādaži, um die Autos zu holen. Als Michaels weißer Golf in Sicht kommt, ahnen Rosi und ich noch nichts Böses, sind nur etwas verwundert, dass Peter ebenfalls in dem Wagen sitzt. Was ist passiert? Leider das, was Jeder als wahr gewordenen Alptraum empfinden würde: das Auto ist weg! Zu allem Übel liegen die Kfz-Papiere noch immer ordentlich verstaut in einer der Tonnen, so dass eine weitere Fahrt nach Ādaži nötig ist, um die Anzeige bei der bereits informierten Polizei zu vervollständigen.

 

 

 

Fakt ist, dass der Wagen in der vorletzten Nacht gestohlen wurde. Glück im Unglück ist, dass wir bereits in Sigulda unsere Kanutour beendet haben, zwei Tage früher als ursprünglich geplant, um noch Einiges im Land anzusehen. Daraus wird zwar nicht mehr viel, aber so bleibt genügend Zeit, bis zur Abfahrt alles in Ruhe zu regeln.

 

 

 

Die Stunden vergehen. Mit der Zeit verrinnt ebenso der Plan eines gemeinsamen, genussreichen Abendessens in einem netten Lokal Siguldas. Die Badegäste sind längst verschwunden. Andere Gäste kommen vorbei, um hier zu grillen.  In der Dämmerung erklingen teils frohe Lieder, teils wehmütige Weisen einer russischen Gruppe über den Platz. Als es schon lange dunkel ist, nähern sich Scheinwerferlichter, und unsere beiden Männer sind endlich wieder zurück.

 

 

 

 

 

Mo., 07.08.06            Packprobe

 

 

 

Guinessrekordverdächtige Generalprobe am Vormittag auf dem Campingplatz Sigulda: Wieviel Paddelgepäck passt zusätzlich zu zwei Personen tatsächlich in einen Golf-Kombi? Glaubten wir bisher, wir hätten das Volumen des Autos so manches Mal schon voll ausgenutzt, erweist sich das heute als Irrtum. Richtiges Pressen und Schieben wirkt Wunder und optimiert das Fassungsvermögen. An die Stoßdämpfer sollte dabei aber lieber nicht gedacht werden. Selbst die leeren Tonnen finden noch ein Plätzchen und verschwinden gut gesichert im Bauch des Canadiers.

 

 

 

Jetzt steht zumindest ein Haufen Gepäck einer einigermaßen passablen Rückfahrt von Rosi und Peter nicht mehr im Wege. Mit dem kümmerlichen Rest von einem Packsack, einer großen und einer kleinen Tonne sowie ihren Canadier wird die Rückfahrt wohl keine allzu große Herausforderung mehr darstellen. Am Rostocker Fährhafen wird vom ADAC ein Wagen bereitgestellt, nur der Transport ins 180 km

 

entfernte Ventspils zur Fähre muß noch organisiert werden. Nach der Ankunft im Hotel Korande klärt sich auch das mit Hilfe der Hotelchefin, und ein entsprechendes Taxi ist bald gefunden. Ein weiterer Besuch bei der Polizei in Saulkrasti erledigt die letzten Formalitäten, sprich die Unterzeichnung der deutschen Übersetzung der Anzeige.

 

 

 

Inzwischen ist der Nachmittag schon so weit fortgeschritten, dass es sich nicht mehr lohnt, zu irgendeiner Besichtigungstour aufzubrechen. Was tun? Warum nicht mal wieder – nach wer weiß wie vielen Jahren – den Minigolfschläger schwingen, denn eine schöne Anlage gehört zum Hotelkomplex. Gesagt, getan und mal geht's beschwingt heiter, mal etwas betrübt über den Parcour, je nachdem, wie die Tücken der Bahnen gemeistert werden.

 

 

 

Und was macht man am besten mit den restlichen Stunden des Tages?

 

Gut essen und trinken, denn das Gute liegt so nah im Restaurant Korande!

 

 

 

 

 
   

 

Di., 08.08.06             Kultur und Strand

 

 

 

Ein Tag bleibt uns noch, um noch etwas mehr vom Land zu sehen. Die Wahl fällt auf Cēsis, der Stadt inmitten des Gauja-Nationalparkes, eine der schönsten mittelalterlichen Städte Lettlands. Die ehemalige Hansestadt, die bereits im 15. Jh. das Münzprägerecht erhielt, wird besonders in den Sommermonaten nicht nur zum nationalen Ausflugsziel. Zahlreiche Besucher bummeln durch die schmalen Ringgassen und an den alten Kaufmannshäusern entlang, die teils noch aus dem 17.-19.Jh. stammen, bis zur imposanten Ruine der  Ordensburg, der am besten erhaltenen Lettlands und ehemals stärksten Festungen des Deutschen Ordens. Beherrscht wird die Burganlage durch den im 14.Jh. errichteten Westturm, der heute altlettische Schmiedekunstarbeiten beherbergt.

 

 

 

Auch wir machen uns auf den Weg zu diesem Wahrzeichen der Stadt, die sich nach dem Bau der Steinburg im Jahre 1207 im Laufe der Zeit um sie herum entwickelte. Unser Rundgang beginnt am Vienĩbas Laukums, dem Hauptplatz von Cēsis, in dessen Mitte das Siegesdenkmal (Uzvaras Piemineklis) zur Erinnerung an die Gefallenen des lettischen Freiheitskrieges hoch gen Himmel ragt. Das 1924 errichtete Mahnmal ist inzwischen selbst zu einem Teil der Geschichte geworden, denn Anfang der 50er Jahre wurde es von den Sowjets zerstört und 1998 wieder aufgebaut.

 

 

 

Kleine Gassen führen zum Neuen Schloß (Jauna Pils) hinauf, welches 1778 neben der Ordensburg erbaut wurde und in dessen Gemäuer sich das Geschichts- und Kunstmuseum befinden. Über eine schöne, von acht weißen Kinderskulpturen gesäumte Tuffstein-Freitreppe gelangen wir in den Schlosspark, welcher erst zu Beginn des 19.Jh. zu Füßen der Ordensburg rund um den geschichtsträchtigen Nussberg (Riekstu Kalns) angelegt wurde. Laut Überlieferung thronte auf dessen Spitze bereits im 11.Jh. eine Holzburg der Wenden. Eine breite Formation von Stuhlreihen trennt den angelegten Teich von der Freilichtbühne, deren Lage entlang der Ordensburganlage nicht nur für das alljährliche Tanzfestival im Sommer eine atmosphärische Kulisse bildet.

 

                           

 

Unübersehbar ragt der Kirchturm der im 13.Jh. errichteten St. Johanneskirche (Sv. Jaņa Baznĩca) zwischen den Burgfrieden durch, ein markanter Orientierungspunkt auf unserem Stadtrundgang. An der Südwand der Kirche wurde im Jahre 1744 eine Sonnenuhr  rechts neben dem Portal angebracht. Die älteste Uhr der Stadt geht bis heute auf die Minute genau, vorausgesetzt die Wetterverhältnisse lassen es zu. Ich suche sie leider vergebens. Vielleicht befindet sie sich gerade in einer "Regenerationsphase"?

 

 

 

Die haben wir zumindest nötig.  So bummeln wir über die ehemalige Hauptstraße "Rĩgas iela" mit seinen kleinen Boutiquen und diversen anderen Läden zurück, um in der "Bars Sarunas“ des Hotels "Alexa" einzukehren, wo wir noch einen freien Tisch unter einer schattenspendenden Markise finden. Wieder überrascht uns die Delikatesse der lettischen Küche. Bereits das Studieren der Speisekarte verspricht einige Gaumenfreuden, denen das auserwählte Zanderfilet auf einem feinen Gemüsebett voll entspricht und das zu einem Preis, für den es bei uns Hause nicht mal ein einfaches Heringsgericht gibt.

 

 

 

Wie fühlt es sich an, über ein 400 Jahre altes Kopfsteinpflaster zu gehen? Um dem auf die Spur zu kommen, suchen wir nach dem Raunaer Tor (Raunas Varti), letzten Stadttor der mittelalterlichen Stadtbefestigung, zwischen dessen Mauern ein Rest des alten Pflasters bei Ausgrabungen entdeckt und freigelegt wurde. Uns wird allerdings erst nach einigem Hin- und Herlaufen bewusst, dass wir schon einige Male darüber spaziert sind und dabei auch das ehemalige Stadttor passiert haben. Das Tor ist heute kein Tor mehr. Nur einige Mauerreste, welche das alte Kopfsteinpflaster säumen, zeugen heute noch davon.

 

 

 

Auf Rosis Empfehlung statten wir auf der Rückfahrt nach Ādaži dem "Gut Ungurmuiža" einen Besuch ab, das wir über eine romantische Eichenallee erreichen, welche beim Ungurs-See von der Landstr. P14 abzweigt. Das barocke Holzgebäude aus dem 18.Jh. liegt in einem idyllischen Park voll alter, uriger Eichen, die wohl schon manchen Stürmen getrotzt haben und einem hölzernen Teepavillon Schutz bieten.

 

Der größte Teil des Gutshauses ist in den letzten Jahren mit viel Liebe restauriert worden, in dessen Verlauf auch die Wandmalereien aus der Entstehungszeit freigelegt wurden. Liebhaber von Kachelöfen werden sich an den erhaltenen Stücken erfreuen, welche die Widrigkeiten der Zeit überlebt haben. Eine rustikale Eichenholztreppe, deren Stufen von den zu tragenden Lasten zeugen, führt ins Obergeschoß, in dem eine kunsthandwerkliche Ausstellung seinen Platz gefunden hat. 

 

 

 

An Saulkrastis weißem Sandstrand legen wir ebenfalls noch eine kurze Rast ein, testen das immer noch recht kühle Ostseewasser und genießen ein kaltes Bier bzw. einen leckeren Eisbecher auf der Bistro-Terrasse. Mit vielen Eindrücken versehen kehren wir anschließend ins Hotel zurück, um unseren letzten gemeinsamen Urlaubsabend im dortigen Restaurant ausklingen zu lassen.