AUF  DER  BRDA  VON  PRZECHLEWO  BIS  KORONOWO

 

23. April – 01. Mai 2004

 

 

 

Fr., 23.04.04   Reisefieber

 

Fit sein für die Nachtfahrt nach Polen ist angesagt. Also geht’s früh ins Bett. Um zwei Uhr morgens soll die Nacht für uns vorbei sein und spätestens um drei Uhr wollen wir im bereits gepackten Auto sitzen. Den Alltagsstreß hinter uns lassend, wollen wir eine Woche Ruhe und Einsamkeit auf der Brda genießen. Soweit die Planung, wenn das Reisefieber nicht wäre! Kaum im Bett, entwickelt sich folgender Dialog: „Schläfst du schon?“ „Nein.“ „Kannst du einschlafen?“ „Nö.“ „Woll’n wir losfahren?“ „Ja!“

 

 

 

Sa., 24.04.04   Erste polnische Erfahrungen (meinerseits)                                                                                                                                                                                                                                        

 

Abfahrt:  0:35h Albaxen                               Rast:  6:20-6:40h Autohof Storkow/A12, Abfahrt 3

 

Ankunft: 13:15h Przechlewo                        Rast: 11:40-12:30h Odejewski/Restaurant „Canpol“           ////////

 

Grenzübergang Kostryn: 8:00h

 

Eine halbe Stunde nach Mitternacht rollen wir schon unserem Ziel entgegen. Irgendwann fordert die Müdigkeit ihren Preis, aber nach nach 2 ½ Stunden Schlafpause geht’s weiter. Ein Cappuccino im Autohof Storkow bringt schließlich auch die letzten Lebensgeister wieder ordentlich in Schwung.

 

Als die LKW-Warteschlange am Autobahnseitenstreifen nicht mehr abreißt, ist der Grenzübergang nicht mehr weit. Uns betrifft zum Glück die Horrormeldung aus dem Radio nicht: „Am Grenzübergang Kostryn beträgt die Wartezeit für LKW’s  z. Zt. 20-23 Stunden.“ Schon bald liegt die Grenze hinter uns. Die erste Etappe ist geschafft. Mit dem hindernisfreien Fahren ist es jetzt allerdings vorbei, dafür sorgen die polnischen Bahnübergänge. Dieser unbeschrankten „Hügellandschaft“ nähern sich sogar die Polen vorsichtig und überwinden sie in einem Tempo, welches selbst einer Schnecke einen Überholvorgang ermöglicht hätte.

 

Spannend wird’s für mich, als wir zum Mittagessen im Restaurant „Canpol“ am Zoo von Odejewski einkehren.

 

Des Polnischen nicht mächtig, bin ich neugierig, was mich wohl erwartet. Die Speisekarten in deutscher und englischer Sprache sind zwar etwas hilfreich, aber die Ungewißheit bleibt, was sich tatsächlich hinter den Bezeichnungen verbirgt. Auf Empfehlung Michaels, der bereits um einige Erfahrungen reicher ist, entscheide ich mich für „Barszcz kołdunami“, eine Rote-Bete-Suppe mit gefüllten Teigtaschen. Nach dem Genuß gehöre ich ab sofort zur Fangemeinde dieser polnischen Spezialität. Michaels „Pierogi z miesem“, Piroggen mit Fleischfüllung, sind ebenfalls nicht zu verachten. Vorsicht! Nichts für Kalorienbewußte!

 

Da wir noch nicht sicher sind, wo wir unsere Tour auf der Brda beginnen wollen – Alternativen: Przechlewo oder Charzykowy – fahren wir zunächst Przechlewo an. Der dortige Campingplatz, am Ende des Jezioro Koskie gele-gen, macht noch einen verlassenen Eindruck. Da das Tor geöffnet ist, ziehen wir diese Einsatzstelle in Erwägung. Ein Abstecher nach Charzykowy am Jezioro Charzykowskie macht uns die Entscheidung leicht. Hotel und Lager-möglichkeit sind noch fest verschlossen. Der See schaukelt in hohen Wellen hin und her. Laut Wettervorhersage soll der Wind in den nächsten Tagen nicht großartig abnehmen. Um unsere Kräfte nicht gleich am ersten Paddeltag im Kampf mit diesem Ungetüm zu verschleißen, lassen wir den See schnell wieder hinter uns.

 

Um nach Beendigung der Tour das Auto nachzuholen, wendet sich Michael am Bahnhof von Chojnic an einen Taxifahrer: „Sprechen Sie deutsch?“ „Ja, natürlich, ich höre auch immer deutsche Nachrichten im Radio.“,

 

was er auch sofort demonstriert. Schnell sind die Modalitäten geklärt. Der Taxifahrer wird

 

Michael nach der Kanutour am vereinbarten Treffpunkt abholen, um ihn zu unserem Auto zurück

 

zu fahren.

 

Nachdem die Handynummern ausgetauscht sind,  geht’s wieder zum Campingplatz von Przechlewo.

 

Dieser öffnet zwar erst am 01.05., aber nach einigen gestenreichen Erklärungen dürfen wir am Ufer der Brda, die hier den Jezioro Koskie verläßt, unser Zelt aufschlagen. Das Auto kann während unserer Kanutour auf dem Ge-lände stehenbleiben.

 

Dem Tip der Campingchefin folgend, besuchen wir abends das Restaurant „Fregata“ in Przechlewo. Von außen wirkt es nicht gerade einladend, drinnen strotzt es nicht unbedingt vor Gemütlichkeit,

 

aber es lohnt sich trotzdem. Die nationale Küche bietet wohlschmeckende Gerichte,

 

wobei ich meine besondere Aufmerksamkeit auf das Wort „Flaczki“ (Kaldaunen) in

 

der Speisekarte richte. Die muß ich nicht unbedingt haben!

 

Anscheinend erfreut sich das Restaurant einer großen Beliebtheit. Am heutigen Abend

 

findet die Feier einer Jagdgesellschaft statt, deren Jägerlatein für uns leider (oder zum

 

Glück?) nicht verständlich ist.

 

 

 

So., 25.04.04              Fleißige Waldarbeiter

 

                                        

 

Abfahrt: 12:25h   ∆C Przechlewo                                         Rast: 13:20-13:55h EB-Brücke/Nähe Sapolno

 

Ankunft: 16:40h  Małe Swornegacie

 

Sonne begrüßt uns am Morgen. Glitzernd liegt der Jezioro Koskie vor uns,

 

auf dem der Wind die Wellen leicht tanzen läßt. Routiniert wird alles in den

 

Canadier verfrachtet, und die ersehnte Tour beginnt.

 

Kaum haben wir die Brücke passiert, liegt der erste große, paddlerfreundlich zu umkurvende Baum quer, dem noch etliche folgen werden.Sie zeugen von der Arbeitsdisziplin der ansässigen Biber. Ebenso emsig sind andere unsichtbare Geister unterwegs gewesen, um die Dammarbeiten zu sabotieren. Deren „Zähne“ sind allerdings aus Metall. So werden die Einen nicht arbeitslos (Bäume gibt es reichlich) und die Anderen (in diesem Falle wir) haben ein leichteres Leben. Ein Stamm versucht tatsächlich, uns zu bremsen, was ihm auch gelingt. Aber zum Aussteigen zwingt er uns nicht. Mit etwas Ruckelei rutschen wir einfach über ihn hinweg.

 

Die Brda strömt in leichten Windungen gemächlich an schilfumsäumten Ufern entlang. Hin und wieder begren-zen Wälder das Flußbett. Außer zwei Anglern, die im dichten Schilf ihrer Beschäftigung nachgehen, sehen wir

 

keine Menschenseele. Begleitet von Vogelgezwitscher ziehen wir entspannt die Paddel durchs Wasser. Immer wieder können wir Schwäne beobachten, die sich hier ganz anders verhalten als bei uns zu Hause auf der Weser. Eben noch gleiten sie ruhig durchs Wasser, im nächsten Augenblick erheben sie sich in die Luft, um mit kräftigen Flügelschlägen vor uns zu flüchten. Im Waldgebiet wird das einem Schwan zum Verhängnis, da er den über dem Wasser ragenden Ästen nicht weit genug ausweichen kann. Ein Absturz ist die traurige Folge, bei dem allem Anschein nach sein linker Flügel lädiert wird. Glück im Unglück: Es passiert hinter uns. Er hätte uns glatt versenken können.

 

Ein Rauschen unterbricht die Stille. Um die Ursache zu erforschen, landen wir vor der Eisenbahnbrücke bei Sapolno an. Das Wasser muß sich hier seinen Weg zwischen den Brückenpfeilern, Steinen und gestrandeten Bäumen suchen. Durch diesen kleinen, fahrbaren Schwall bekommt die ansonsten eher träge Brda für einen kurzen Moment richtig Schwung.

 

Eingebettet in dem Naturpark Zaborski liegt der Jezioro Charzykowskie, an dessem oberen Nordwestufer die Brda eintritt und in einem weiten Bogen zur Landzunge in der Mitte des Nordufers fließt. Auf dem dortigen Biwakplatz endet unsere erste Etappe. Am gegenüberliegenden Ufer liegt der Ferienort Małe Swornegacie, der über ein Brücke  erreichbar ist. Wir nutzen noch einmal die günstige Gelegenheit, uns dort im „Restauracia Małe-Swory” mit der nationalen Küche vertraut zu machen.

 

 

 

Montag, 26.04.04       Jetzt fahr’n wir über’n See...

 

 

 

Abfahrt:  10:15h Małe Swornegacie                                           Rast: 12:45-13:20h Nähe Płesno

 

Ankunft: 16:50h zwischen Turowiec + Dua Klonia

 

Bereits am frühen Morgen ist das gegenüberliegende Ufer dicht bevölkert.

 

Wie die Spatzen auf der Stromlei-tung hocken dort palavernd und angelnd

 

Mann an Mann. Unsere Tätigkeiten sind dabei wohl eine willkommene Abwechslung. So werden

 

wir auch winkend verabschiedet, als wir bei herrlichem Sonnenschein ablegen und hinter der Brücke ihren Blicken entschwinden.

 

Der erste von den vielen Seen unserer heutigen Etappe liegt vor uns. Das Schilf rauscht leise in der sanften Bri-se, uns läßt sie trotz verstärktem Körpereinsatzes in unseren T-Shirts etwas frösteln. Die Brda durchquert den Jezioro Długie und mündet an seiner nordöstlichen Spitze in den Jezioro Karsiskie. Als sich die Brücke von Swornegacie an dessen nordwestlicher Spitze über die Ufer spannt, haben wir wieder einen See bewältigt.

 

Unterstützt von der geringen Strömung winden wir uns mit dem Fluß um angespitzte Baumstämme durch die bewaldete Landschaft, veranlassen Schwäne, ihren Weg schneller fortzusetzen und überqueren den Jezioro Witoczno. Wieder ändert die Brda ihre Richtung. Sie verläßt den See etwa in der Mitte des nordöstlichen Ufers und wendet sich danach allmählich nach Südosten. Inzwischen ist es noch kühler geworden. Wolken verdrängen immer öfter die Sonne, so daß wir während unserer Mittagsrast doch noch die Pullis hervorholen.

 

Eine lange Seenkette, bestehend aus den Seen Małołackie, Łackie, Dybrzk und Kosobudno, gilt es noch allein mit Muskelkraft zu bewältigen. Der vorletzte See scheint endlos zu sein. „Sag mal Bescheid, wenn wir einen Kilometer geschafft haben.“ wende ich mich an Michael, um wenigstens das Gefühl zu haben, vorwärts zu kommen, denn wir scheinen uns der in der Ferne liegenden Straßenbrücke überhaupt nicht zu nähern. Haben wir die erreicht, sind wir auch am Ende des Jezioro Dybrzk angelangt.

 

Die schilfumsäumten Seen liegen eingebettet in der wunderschönen Landschaft des Nationalparks „Bory Tucholskie“. Einmal gibt der Schilf den Blick auf einen nistenden Schwan frei. Um ihn nicht zu erschrecken, verharren wir regungslos und gleiten lautlos mit dem letzten Schwung des Bootes an ihm vorbei. Manches Mal bietet sich uns eine wahrhaft malerische Kulisse, wenn eine Schwanenschar leuchtendweiß auf dem blauen Wasser zu schweben scheint und sich dabei synchron bewegt. Reckt der Leitvogel seinen Hals nach links, folgt die ganze Schar seinem Blick. Setzt er zum Flug an, tut das auch der Rest, wobei es allerdings schon mal zu gegenseitigen Behinderungen kommen kann, bevor der geordnete Rückzug eingeleitet ist.

 

Nach der Eisenbahn- und der folgenden Straßenbrücke bei Mecikał halten wir nach einem Lagerplatz Ausschau. Zwischen Turowiec und Dua Klonia finden wir ein schönes Plätzchen am schmalen Jezioro Zapora, der sich bis zum Wehr von Mylof hinzieht. Vor dem Zelt am Lagerfeuer sitzend genießen wir die Ruhe und die Landschaft mit ihren seltsamen Lichtverhältnissen.

 

 

 

Dienstag, 27.04.04     Barrikaden menschlicher und tierischer Art 

 

Abfahrt:  11:00h                                            Rast:  13:50-14:20h Rytel

 

Ankunft: 16:20h  Brda

 

Portage Wehr Mylof:  11:45-12:30h

 

Verführerischer Sonnenschein veranlaßt wieder zu leichter Kleidung. Kaum sind wir auf dem Wasser, kommt schon der inzwischen nötige Griff zur wärmenden Jacke. Gemächlich pad-deln wir der einzigen künstlichen Umtragestelle unserer Kanutour entge-gen, dem Wehr des Wasserkraftwerkes von Mylof. Den davor abzweigen-den „Wielki Kanał Brdy“ lassen wir links liegen und landen am rechten Ufer vor dem Wehr  an.

 

Boot auspacken, aus dem Wasser ziehen, auf dem Bootswagen wieder alles verstauen und über die Brücke zur linken Seite marschieren ist ja noch kein allzu großer Aufwand. Aber dann kommt’s! Daß Paddler eventuell hinter einer Barriere auch wieder aufs Wasser wollen, hat wohl niemand so richtig bedacht. Von der Brücke führt eine steile, schmalstufige, enge Treppe zum linken Ufer herunter. Um da runter zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten: Alles in Einzelteilen u zum noch immer einige Meter entfernten Ufer schleppen und dabei in Kauf nehmen, daß am nächsten Tag die Beine ihren Dienst verweigern oder den beladenen Canadier auf dem Bootswagen über den holprigen Hang neben der Treppe am Tampen herunterzu-lassen. Kraftmeier und die „Bloß-nicht-zuviel-tun-Typen“ wählen selbstverständlich die zweite Variante. Ich brauche ja wohl nicht besonders zu erwähnen, wie unsere Siebensachen zur Einsatzstelle kommen.

 

Hinter dem Wehr sorgen Einlaßrohre der Mylofer Forellenteiche am linken Ufer für ein „rasantes“ Tempo, leider nicht von langer Dauer. Das enger werdende Flußbett windet sich an waldbewachsenen Hängen entlang. Die Strömung nimmt merklich zu. Immer mehr Bäume versperren in oder hinter den teilweise recht scharfen Kurven den Fluß. Die Versuche der holzverarbeitenden Gesellen, den Fluß unpassierbar zu machen, werden auch auf dieser Strecke (zumindest im Frühjahr) von ebenso emsigen Sägern ordentlich torpediert. Des Bibers Pech ist des Paddlers Glück, denn so bleibt uns manches Mal das Aussteigen erspart. Um einige Baumhindernisse können wir ohne große Manöver, um andere mit einigem Geschick herum kurven, über den ein oder anderen querliegenden Stamm herüberrutschen. Schließlich sitzen wir doch noch fest. Was nun? Weder die Außen- noch die Wassertemperatur motivieren uns zum Aussteigen. Also ruckeln wir zunächst vorsichtig mit dem Canadier ein bißchen vor und zurück. Nichts passiert. Mutiger werdend, verstärken wir die Schaukel-

 

bewegungen. Endlich bewegt sich unser Gefährt so wie wir das wollen. Die Fahrt kann weiter gehen.

 

Unter der Eisenbahnbrücke paddeln wir hindernisfrei durch, an der Ortschaft Rytel vorbei und lassen deren Straßenbrücke hinter uns. Bis Piła Młyn erstreckt sich jetzt der Naturpark „Tucholskie“. Nach der Slalomfahrt bekommt der Puls auf der fast gerade verlaufenden Brda erst einmal Gelegenheit, wieder etwas herunterzu-fahren. Ab und zu ein Paddelschlag hält den Canadier in Bewegung, denn auch die Strömung in dem breiteren Flußbett läuft auf Sparflamme.

 

Dem Notruf aus dem Inneren gehorchend, landen wir am Biwakplatz Rytel zur Mittagsrast an. Der wirkt ziemlich heruntergekommen, z. B. ist die Hütte völlig zerstört, aber die ersten Aufräumarbeiten haben allem Anschein schon begonnen.

 

Bis zum Biwakplatz Brda, wo wir heute unser Zelt aufschlagen wollen, ist weiterhin relaxtes Paddeln angesagt. Eines ist gewiß, das schönste und interessanteste Stück der heutigen Etappe war die Strecke zwischen Mylof und Rytel, auch wenn man ständig unter Hochspannung paddelte. Sie glich einer Fahrt ins Ungewisse. Man wußte nie, was einem in bzw. hinter der nächsten Kurve erwartete. Abgerundet wird der Tag von einem herrlichen Sonnenuntergang, der alles um uns herum in ein warmes, rötliches Licht taucht.

 

 

 

Mittwoch, 28.04.04    Eine hinterhältige Attacke

 

Abfahrt:  10:00h  Brda                               Rast: 12:45-13:15h fkm 96

 

Ankunft: 16:10h  Piszczek             Rast: 15:40-15:50h Einkauf/ Rudzki Most

 

Enge Schleifen, gute Strömung, reichlich querliegende Bäume charakterisieren

 

auch den heutigen Flußlauf, der sich immer mehr nach Süden richtet. Wir paddeln

 

immer noch durch das Paradies der dämmerungsliebenden Nager, deren Spuren

 

allgegenwärtig sind und ständige Aufmerksamkeit erfordern. Mancher Bremsvorgang

 

verhindert allzu engen Kontakt – bis zu einer scharfen Linkskurve. In der flotten Strömung manövrieren wir zwar geschickt um den „Baumauflauf“ herum, dann gibt’s einen Schlag, der den Canadier bedrohlich zur Seite neigen läßt. Reaktionstest bestanden! Gepäck und Besatzung brauchen nicht die Wassertemperatur zu testen. Somit ist die hinterhältige Attacke des fast unsichtbaren Baumstumpfes, der neben dem letzten Stamm lauert, ins Leere gelaufen.

 

Um einige Vorräte aufzufüllen, landen wir hinter der Brücke von Rudzki Most, einem Vorort von Tuchola, an.Mit frischem Brot und Obst versorgt, geht die inzwischen schon gewohnte Slalomfahrt weiter. Die nächste Herausforderung sieht zunächst so aus, als gäbe es kein Weiterkommen. Zwei dichtliegende Baumstämme, quer im Wasser, scheinen den Fluß völlig zu verbarrikadieren. Erst beim Näherkommen kann man bei dem ersten am linken Ufer eine kleine Lücke erkennen, durch die wir uns gerade so durchquetschen. Die Enge läßt kein großartiges Manövrieren zu, so daß uns die Strömung mit der Breitseite gegen den zweiten Stamm drückt , was uns wiederum eine kleine Atempause ver-schafft. Die genügt immerhin, um zu sehen, daß wir aus diesem Käfig am rechten Ufer auch wieder heraus-kommen.

 

Etwas weiter flußabwärts lädt der Biwakplatz Piszczek an der Mündung des Kicz regelrecht zum Lagern auf seiner großen Wiese ein. Feuerholz gibt es auch reichlich, so daß für einen gemütlichen Abend gesorgt ist. Beim Holzsammeln entdecken wir den etwas versteckt liegenden kleinen Wasserfall, über den der Bach munter sprudelt, bevor er sich mit der Brda vereinigt.

 

 

 

Donnerstag, 29.04.04 Ein unerwarteter Gast

 

 

 

Abfahrt: 10:15h  Piszczek                          Rast: 12:50-13:30h Hanica Wodna

 

Ankunft:15:55h  Sokole Kuznica

 

Gut 1,5 Stunden paddeln wir noch durch das Waldgebiet des Naturparks von

 

 Tuchola („Tucholsky Park    Krajbrazowy”). In der lebendigen Strömung

 

verengen wieder zahlreiche querliegende Bäume die vielen Windungen. Zwei

 

davon nötigen uns zwar zum unfreiwilligen Stop, behindern die Weiterfahrt aber

 

nicht sonderlich. Unser Wohlbefinden wird erst etwas später durch ein besonders dickes Exemplar beeinträchtigt. Meinen Rat, den Stamm ganz rechts am Ufer zu umfahren, wird wohlweislich überhört, und wir sitzen richtig fest. Michael braucht anscheinend eine gymnastische Einlage, es gibt nämlich kein Wehr zum Umtragen. Dieses Mal hilft kein Schaukeln, aber vielleicht eine Gewichtsreduzierung. Auf der glitschigen Baumrinde balancierend, dabei die Gleichgewichtskontrolle nicht außer Acht lassend, hievt Michael ein Teil nach dem anderen aus dem Canadier, bis der befreit ist.

 

Bei Pila Młyn tritt die Brda aus dem engen Wald heraus, um einige Kilometer flußabwärts in das Gebiet der langgezogenen Stauseen von Koronowo einzutreten, die die Strömung des Flusses sofort paralysieren. Dazu erwartet uns hier auch noch kräftiger Gegenwind, der kaum Atem- bzw. Paddelpausen zuläßt. Der erste See zieht sich unendlich hin. Ungefähr über die Mitte des Jezioro Koronowskie führt eine Eisenbahnbrücke, doch dieser Orientierungspunkt will einfach nicht näherkommen. Ein kurzer „Geschafft-Seufzer“, als wir sie hinter uns haben, dann wird das Boot weiter unermüdlich durchs Wasser ge-trieben. Wir paddeln am linken Ufer entlang, da die Brda  hinter der linksseitigen Landzunge aus diesem See wieder austritt, und wechseln anschließend zum rechten Seite, um einige Kilometer flußabwärts am Biwakplatz Sokole Kuznica anzulanden.

 

In der frühen Jahreszeit konnten wir bisher ungestört in der freien Natur lagern und die Einsamkeit genießen. Nicht so heute Abend, denn wir be-kommen Besuch. Ein Schwan macht seine Aufwartung. Der scheint aller-dings einer anderen Gattung als den bisherigen anzugehören. Sein Gehabe steht im krassen Widerspruch zum üblichen Fluchtverhalten seiner hiesi-gen Artgenossen. Zunächst zieht er in Ufernähe schöne Kreise und stellt sein schneeweißes Gefieder zur Schau. An-scheinend befriedigt ihn aber unsere Aufmerksamkeit noch nicht.

 

Nach seinem Wasserballett watschelt er an Land, abwartend, was passiert. Noch hält er sich in respektvoller Entfernung. Mal links, mal rechts pickend nähert er sich uns vorsichtig. Als er schließlich seinen Hals am Tisch hochreckt und Michael Auge in Auge gegenübersteht, wird es diesem doch etwas unheimlich. Vorsichtshalber tritt er den Rückzug an und überläßt dem neugierigen Schwan vorerst das Revier, den insbesondere das Eßgeschirr interessiert. Mit einer Tüte Käsereste versehen, gelingt es mir schließlich, ihn wieder von unserem Hab und Gut wegzulocken. Mit leichten Flügelschlägen watschelt er auch treu und brav bis zum Ufer hinter mir her. Erst etwas mißtrauisch, dann immer zuversichtlicher reckt er mir seinen Schnabel entgegen und läßt sich aus der Hand füttern. Nachdem er sich überzeugt hat, daß wirklich kein Krümel mehr in der Tüte zu finden ist, zieht es ihn wieder auf den See.

 

 

 

Freitag, 30.04.04        Eine Irrfahrt am letzten Tag

 

                                                                                                                                         Abfahrt:    9:40h Sokole Kuznica                                              Rast: 12:20-12:50h

 

Ankunft:  14:10h Koronowo

 

Etwas wehmütig packen wir morgens alles zusammen. Von unserem

 

gefiederten Freund ist weit und breit nichts zu sehen, dafür begleitet die

 

Sonne strahlend unsere Aktivitäten. Die letzte Etappe liegt vor uns. Sie wird

 

uns weiterhin durch die Stauseen bis Koronowo führen.

 

Kaum sind wir auf dem Wasser, frischt der Wind immer mehr auf. Aber wir geben keinen erkämpften Meter auf. Zunächst ignoriere ich die inneren „Funksprüche“, die allerdings beachtet werden wollen. Meine Blase meldet sich immer heftiger. Weit und breit nur Schilf, kein fester Uferstreifen in Sicht. Nie wieder ohne „Pinki“, schwöre ich mir. Doch da heben sich die Konturen einer Insel vom Ufer ab. Trotz Michaels Skepsis, gelingt der Landgang. Ein dicker Stein vorm Ufer und mehrere Steine sorgen für einen einigermaßen trockenen Untergrund und wesentlich entspannter kann ich den Kampf gegen den Wind wieder aufnehmen.

 

Nachdem wir den breiten Jezioro Koronowskie hinter der nächsten linksufrigen Insel verlassen haben, erholen wiruns erst einmal ein wenig und landen zur Mittagsrast an. Auf dem kurzen, relativ engen Wasserweg zwischen dem letzten See und dem Jezioro Lipkusz verschont uns der windige Geselle noch. Dann faucht er uns wieder entgegen. Mühsam ist das Weiterkommen. Wie dumm müssen wir geguckt haben, als es nicht mehr wei-tergeht. Wir haben uns „verpaddelt“, weil wir in die verkehrte Richtung in den See eingebogen sind. Ein Glück, daß er sich an diesem Ende nicht so fürchterlich lang hinzieht. Schnell sind wir wieder auf der richtigen Spur und erreichen, jetzt im Bunde mit dem Wind, bald darauf die Brücke von Koronowo. Zum letzten Mal landen wir an und entladen unseren Canadier.

 

Eine schöne Tour in einer herrlichen, abwechslungsreichen Landschaft ist leider zu Ende. Jetzt heißt es nur noch, auf das Taxi warten, welches Michael vor ca. einer Stunde geordert hat. Die kleine Ungewißheit, ob auch alles so klappt, wie wir uns das vorgestellt haben, erweist sich als völlig unbegründet. Der Taxifahrer ist pünktlich an Ort und Stelle. Während meiner Wartezeit mache ich es mir mit Kaffee und Buch gemütlich. Ein kurzes Gespräch mit einem Einheimischen, der sich etwas um mich sorgt und Kaffee anbietet, ruft dessen Bewunderung über unserere frühe Kanutour hervor. Als er sich wieder verabschiedet, dauert es nicht mehr lange, bis Michael vorfährt und wir nach dem Packen abfahrbereit sind.

 

 

 

Freitag, 30.04.04/Samstag, 01.05.04 Nichts geht mehr um Mitternacht

 

Pkw-Rückholung: 15:00-17:45 h

 

Abfahrt: 18:00h in Koronowo                                  Rast: 19:10-20:00h in der Nähe von Sadki/Str.10

 

Ankunft: 6:30h in Albaxen

 

Grenze Kostryn: 23:45 – 0:10h

 

Bis zur Grenze verläuft unsere Heimreise durch die fahnengeschmückten Ortschaft völlig reibungslos. An diesem Abend vor dem EU-Beitritt Polens herrscht fast überall reges Treiben und Rummelplatz-Atmosphäre. Da am Grenzübergang nach Frankfurt/O. hochrangige deutsch-polnische Delegationen diesen Anlaß auf der Oderbrücke feierlich würdigen wollen, fahren wir wieder Richtung Kostryn – in der Hoffnung, daß es dort nicht zu einem großen Menschauflauf kommen wird.

 

Versehen mit Einkäufen von den letzten Złoty müssen wir uns schließlich doch in die lange Warteschlange Einkauf vor der Grenze einreihen. Die Brücke ist ebenfalls gesperrt und somit auch die Grenze. Uns wird es jetzt erst richtig bewußt, welche große Bedeutung die polnische Bevölkerung diesem Beitritt beimißt. Busweise sind sie angereist und bieten spontane Gesangs- und Tanzeinlagen im Grenzbereich. Um Mitternacht ist es soweit: Es knallt, es zischt, ein glitzernder Funkeregen erhellt den Nachthimmel und kündigt den Weg in eine neue, polnische Epoche an.