"Holy cow, you will freeze up your aces!"

“In the quiet morning”


Stockdunkel und frostig ist es noch, als es heißt: Aufstehen, Einpacken, Abbauen. Kein Wunder gegen 4:30 Uhr – mitten in der Nacht! Der magischen Anziehungskraft des warmen Schlafsackes kann ich mich deshalb nur schwer entziehen,  so dass ich mich frage, warum tust du dir das an?

Noch früher öffnet der oberhalb des Platzes gelegene „John’s Country Store“. Ab 3:30 Uhr kann sich dort u. a. mit Kaffee versorgt werden. Wir nutzen die Gelegenheit bis zu Normans Ankunft, der bereits um sechs Uhr vorfährt, eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit. Trotzdem sind wir fertig. Schnell sind das Gepäck und die letzten Boote verladen. Der Transfer zum Allagash kann beginnen.

„The long and winding road“

Unsere Fahrt geht über Fort Kent bis Ashland zu-rück.  Um die Sinne zu mobilisieren, gibt’s unterwegs eine kleine Kaffeepause. Vereinzelte filigrane Schneeflöckchen lösen den bisherigen leichten Regen ab und unterbrechen dabei die noch einheitsgraue Umgebung. Die Asphaltstraßen liegen hinter uns. Wir rattern nur noch über private Waldstraßen, durch das Gebiet der Holzverarbeitungsfirmen. Hier gelten andere Verkehrsregeln. Die langen Holztrucks haben grundsätzlich Vorfahrt. Manch ein Truck donnert schwer beladen ungebremst rasant an uns vorbei. Damit es nicht zu unliebsamen Überraschungen kommt, soll heißen, dass rechtzeitig Platz gemacht wird, ist ein gut funktionierender Funkverkehr unablässig.          
 
Eine willkommene Unterbrechung findet am „6 Mile Checkpoint“ statt, wo wir uns, nicht nur dort als die „Crazy Germans“ bekannt,  für die Kanutour eintragen. Für die Befahrung des „Allagash Wilderness Waterways“ ist eine Registrierung an den North Maine Woods
Checkpoints oder Waterway Ranger Stationen erforderlich.

„Who’ll stop the rain?“

Weiter geht die Fahrt, während der eine plötzlich über die Straße wechselnde Elchkuh eine spontane Bremsaktion verursacht. Die Sonne versucht zwar einige Male, sich gegen die grauen Wolken zu behaupten, aber leichter Regen, der sich sogar einige Male in Schnee verwandelt, behält die Oberhand.

Nach etwa vier Stunden überqueren wir die Brücke am südlichen Zipfel des Lake Chamberlains. Hier beginnt der „Allagash Wilderness Waterway“, der uns etwa 100 Meilen (etwa 150 km) durch die nahezu unerschlossene Wildnis mit dichten, ursprünglichen Wäldern führen wird, deren Pfade größtenteils nur den Elchen bekannt sind. Doch bevor die Boote eingesetzt werden können, ist erst einmal großes Reinemachen angesagt. Das regnerische Wetter heißt uns nicht gerade willkommen und fordert seinen Tribut, nicht nur an den Booten, sondern auch an einigen Packsäcken.

„Across the wide Lake Chamberlain“

Endlich ist alles om Schlamm befreit. Uns hält nichts mehr am Ufer fest. Von leichtem Wind umspielt, lassen wir mit jedem Paddelschlag ein Stück des Alltags hinter uns. Wir tauchen ein in die Welt der Stille, die nur vom Plätschern des Wassers unterbrochen wird. Etwas Sonnenschein täte zwar gut, aber wir lassen uns von dem bisschen Regen nicht die Laune verderben, zumal der „Indian Summer“ noch einige Farbakzente in die triste Umgebung setzt.                                                 

Aktive Phasen brauchen auch einen Ausgleich, weshalb wir uns nach einigen Meilen eine wohltuende Rast zum Lunch am Seeufer gönnen. Gestärkt legen wir wieder ab. Geselle Wind hält sich immer noch zurück, so dass das Paddeln in den leicht schaukelnden Wellen nicht allzu mühsam ist.

„Twilight zone“

Im Laufe des Nachmittags macht sich aber der zeitige Tagesbeginn allmählich bemerkbar. Wir wollen nur noch ankommen, doch bis zum
Campground „Lock Dam“ zieht es sich unendlich hin. Während unser „Feuerteam“ Ulrich und Arturo mit der Umgebung verschmelzen, will
der verdammte Platz einfach nicht auftauchen. Endlich gelangen wir in Sichtweite des Lock Dams. Das 1846 erbaute und bereits seit
1899 verfallene Wehr trennt den Lake Chamberlain vom Eagle Lake.

Ein langer Tag neigt sich dem Ende zu, als wir nach 11 Meilen (ca. 16 km) vor dem Damm am rechten Ufer anlanden. Kollektives Klappern eint uns. Der Körper schreit nach Nahrung und Schlaf. Mit einer heißen Schokolade, geschmacksverstärkt mit Rum oder Whisky, überbrücken wir die Zeit bis zum Abendessen, welches schon als „Chili con Carne“ über dem Feuer brodelt. Müde und zufrieden kriechen die Ersten schon bald nach der kompletten Vernichtung des Hungergefühls in die Schlafsäcke.

Mi., 14.10.09     „WE ARE CROSSING EAGLE LAKE“

Abfahrt: 12:10 h Campground „Lock Dam“
Ankunft: 18:00 h Campground „Pumphandle“
              
       
„Carry that weight“

Während der Vorbereitungen für das Frühstück herrscht noch etwas Chaos. Wo ist was? Also, alles raus auf den Tisch, sortieren, neu zusammenstellen und das, was wir jetzt nicht brauchen wieder einpacken. Die wichtigsten Zutaten sind endlich gefunden. Eine Riesenportion Rührei mit geröstetem Frühstücksspeck sichert uns einen genussvollen Tagesbeginn mit reichlich Energieversorgung für die Schwerstarbeit, die vor uns liegt.  

Ohne Einsatz eines Bootswagens müssen Gepäck und Boote zur 450 m entfernten Einsetzstelle am Eagle Lake
geschleppt werden. Es bedarf einiger Gänge, bis alles bereit liegt und in den Canadiern verstaut werden kann.

 „Wild ist the wind“

Wir legen ab. Nach dem engen Seezipfel breitet sich die  Wasserfläche etwas aus. Anfangs weht uns nur eine leichte Brise entgegen, so dass wir gut voran kommen. Langsam frischt der Wind auf, Wellen türmen sich allmählich auf. Auch Petrus meint es noch gut mit uns, denn die Sonne blinzelt öfter durch den wolkenverhangenen Himmel und lässt das bunte Blätterwerk aufleuchten.

Noch fahren wir gut gegen den Wind, doch der Blick nach vorn lässt nichts Gutes ahnen. Weißschäumendes Wasser blinkt dort im Sonnenschein. So hören wir erst einmal auf unseren Bauch, der uns signalisiert, eine Portion Nahrung wäre nicht übel, und tanken Kraft für die vor uns liegende Passage.

Wir paddeln links an der großen Insel Pillsbury vorbei, dann wird‘s heftig. Auf der großen Seefläche packt uns der windige Geselle, obwohl wir wahrlich nicht auf einen Kampf mit den Elementen aus sind. Wellen schlagen uns entgegen. Der Wind lässt uns keine Zeit zum Aussetzen von Paddelschlägen. Das Vorwärtskommen ist mühsam und manchmal auch erfolglos. Erst in der nächsten Bucht wird es etwas besser.

„Around and around“                

Einige von uns machen einen kleinen Abstecher zur ehemaligen Eisenbahnstation am linken Ufer, wo noch einige Loks still vor sich hin rosten. Wieder vereint lassen wir die kleinen, felsigen Inseln Hog und Farm rechts liegen und haben schon unseren anvisierten Campground mit seinem schönen Birkenbestand im Blick. Nachdem wir fast die ganze Bucht entlang gepaddelt sind, erkennen wir unseren Irrtum. Schöne Birken im leuchtend gelben Gewand stehen schon am Ufer, nur der Lagerplatz ist dort nicht. Der Wald dahinter bleibt genauso dicht
wie bisher.

Also paddeln wir wieder etwas zurück, queren dabei den See und umrunden quasi in einiger Entfernung die beiden Felseninseln. Wir paddeln um eine Landzunge und entlang der kleinen Bucht,  an deren Ende der sehnlichst erwartete Campground „Pumphandle“ mit Sandstrand und schön gewachsenen Birken einen wunderbar gelegenen Standort für unser Nachtlager bietet.

Ohne große Absprache regeln sich die notwendigen Arbeitsabläufe von selbst. Jeder fühlt sich für einen Bereich verantwortlich, vom Tipi-Aufstellen bis zum Feuermachen und das Zubereiten des Abendessen sowie des Holznachschubes.

Die leckere Hackfleisch-Möhren-Kartoffel-Pfanne haben wir uns mehr als verdient.

Do., 15.10.09    „SOUND OF SILENCE“

Abfahrt: 10:30 h Campground „Pumphandle“
Ankunft: 17:10 h Campground “Churchill Dam”
 
Ohne große Plagerei verlassen wir den idyllischen Platz. Während wir den relativ ruhigen See zum Ostufer queren, hält sich der Wind noch vornehm zurück. Begleitet von einer dicken, grauen Wolke nähern wir uns der Enge des Eagle Lakes. Hier spielt sich der Wind etwas auf, um uns mal wieder zu zeigen, wer der Herr in dieser Region ist. Trotzdem behaupten wir uns gegen ihn. Müde geworden, lässt er das Spielchen
nach einer Weile wieder sein. Von dem Schauspiel fasziniert, was  sich da bietet, verharrt ein Möwe auf ihrem felsigen Posten im Wasser und schaut sich an, was da auf sie zukommt.

Here comes the sun“

Als vor uns „John’s Bridge“ den Ausläufer des Eagle Lakes kreuzt, ist es Zeit für den Lunch. Jetzt lacht auch mal die Sonne und verleiht
unserem Rastplatz ein strahlendes Ambiente. Da das Ufer reichlich mit abgebrochenen Ästen bedeckt ist, ergreifen wir die Chance, uns mit einen reichlichen Vorrat an Feuerholz für den Abend einzudecken.

In der leichten Brise setzen wir unsere Tour bis zum Churchill Lake fort. Nahe des Campgrounds „Scofield Point“ am linken Ufer trabt eine
Elchkuh mit zwei Jungtieren im seichten Wasser. Als sie uns entdeckt, bleibt sie stehen und behält uns dabei genau im Blick. Erst als sie
sicher ist, dass wir nur mit dem Fotoapparat auf Jagd sind, senkt sie den Kopf wieder.

Nördlich verjüngt sich der Churchill Lake und geht spritzig in den kleinen Heron Lake über, dessen Ende der 1846 er-baute Churchill Dam markiert. Jetzt hat auch der Allagash den größten Teil seiner Seenstrecke hinter sich gebracht.

 „Carry it on“

Obwohl das Ziel greifbar nahe liegt und wir relativ flott durchs Wasser gleiten, beschleicht mich das Gefühl, auf der Stelle zu paddeln. Eine große, weiße Wolke vermittelt perfekt diese Illusion und behauptet ihren Platz vor uns. Sich im Wasser spiegelnd, lässt sie uns scheinbar
nicht vorankommen.

Schließlich ist es doch geschafft. Vor der verdienten Entspannung liegt aber noch ein wenig Arbeit vor uns, denn unser Hab und Gut muss erst einmal über die Straße zum Campground „Churchill Dam“ an der bereits verlassenen Ranger Station geschleppt werden. Während die Zelte aufgebaut werden, brennt knisternd das Holz in der Feuerstelle. Es liefert später die richtige Glut für den Dutchoven, in dem zuerst die Hühnchenteile in einer delikaten Anissauce garen, wofür eine halbe Flasche Ouzo die Grundlage bildet, und danach das erste gebackene Brot seiner Fertigstellung entgegen geht.

Fast ein Drama spielt sich im Laufe des Abends ab: die „Hot Chocolat“ ist alle! Dass sich die als Renner beweisen würde, hätte keiner ge-dacht. Alternativ müssen eben jetzt geschmacksintensiverer Kaffee und Tee herhalten oder der klassische Grog.

Fr., 16.10.09    „TAKE US TO THE RIVER“

Abfahrt:    12:00 h zwischen Churchill und Umsaskis Lake
Mittagsrast:    13:00-13:50 h Campground „Meadows“
Ankunft:    17:10 h Campground “Sam’s”


“Rocky Raccoon”

In der Nacht hat es doch tatsächlich ein Waschbär, dem verlockenden Duft seiner Nase folgend, auf das frisch gebackene Brot abgesehen.
Erfolglos, denn Jörg ist schneller. Wäre der kleine Dieb leiser gewesen, hätte er mehr als nur ein paar M&M erbeutet.

Am Morgen vertreibt herrlicher Sonnenschein die eisigen Spuren der Nacht und lässt den auftauenden Raureif im Licht glitzern. Nach dem
routinierten Lagerabbau, warten wir abholbereit auf die beiden Ranger, die uns ca. sechs Kilometer flussabwärts bringen werden. Wir umg-
ehen damit auf bequeme Weise den folgenden, sehr flachen Flusslauf mit den Chase Rapids.

Eingepfercht sehnen wir allerdings ein baldiges Ende der abenteuerlichen Fahrt herbei. Trotz Kriechtempo werden wir ordentlich durchgeschaukelt, denn nicht jedem Loch kann auf dem unbefestigten Weg ausgewichen werden. Aber trotzdem ist unser Dank für diese Art der Portage den Rangern gewiss und wir bezahlen gern den kleinen Obolus von 20 $ für den Transfer mit zwei Autos.

„Come follow me“

Als wir endlich wieder in den Booten sitzen, sind wir erleichtert, wieder eine Handbreit Wasser unter uns zu haben. Wir genießen die erste fließende, leider nur kurze Strecke, auf der sich schon bald die ersten Stromschnellen ankündigen. Aufmerksam kundschaften wir die Fahrtroute aus, die Könner unter uns stakenderweise im Stehen, um mit dem Lauf des Wassers dem richtigen Weg durch die willkürlich im Flussbett liegenden Steine zu folgen.

„Let us break bread together“

Auf dem linksseitigen Campground „Meadows“ landen wir zum Lunch an. Das in der Nacht verteidigte Brot bietet dabei eine gute Grundlage für das Schlückchen Wein, womit wir auf die ersten erfolgreich gemeisterten Rapids anstoßen.

Bevor der Allagash in den Umsaskis Lake mündet, teilen kleine Inseln den Flusslauf. Zwischen den Eilanden spaziert ein Elch direkt vor uns
herum, anscheinend etwas irritiert, angesichts der kleinen Flotte, die da auf ihn zu kommt.

Auf dem Umsaskis Lake scheint eine kleine, stolze Schar Haubentaucher, wie mit dem nassen Element verschmolzen, über das Wasser zu gleiten. Staunend verfolge ich deren Künste: Synchronschwimmen in Perfektion. Formation haltend wenden sie den Blick nach rechts, den Blick nach links, tauchen ab und wieder auf, bevor sie ihre Bahn auf dem Wasser fortsetzen.

Wind liegt über dem Umsaskis Lake, der das Paddeln wieder etwas mühsam macht. Oder spukt da etwa der Weingeist noch ein wenig im Kopf herum und macht die Arme schwer? Die verlangen irgendwann nach einer Ruhepause, und die Beine wollen mal wieder in
ihre normale Position zurückkehren. So kommt uns die Ranger Station vor der Umsaskis Bridge am Ende des Sees gerade recht.

Der Tag ist schon weit voran geschritten. Bis zum anvisierten Etappenziel, dem Campground „Long Lake Dam“, liegt noch eine weite Strecke vor uns, denn der gestreckte Long Lake zieht sich gerecht seinem Namen lang hin. Schnell sind wir uns einig, nicht mehr so weit zu paddeln, um nicht erst im Dunkeln anzukommen.

 „On the beach“

Es bedarf aber noch einiger Paddelschläge auf dem schmalen Long Lake, bis wir am Campground „Sam’s“ anlanden und vor einem kleinen Problem stehen. Er ist für zwei große Tipis etwas zu klein. Um uns nicht einen Platz freisägen zu müssen, ziehen wir doch lieber die Alternative des etwas abfallenden Strandabschnittes vor. Wie kalt es wird, nachdem die Sonne hinter den Bergen verschwindet, zeigt sich sogleich. Die noch vom Morgen etwas feuchten Zeltwände gefrieren sofort.

Auch wenn das angestrebte Tagesziel heute nicht erreicht worden ist, können wir uns guten Gewissens über das leckere Hühnchen-Gemüse-Curry mit Reis hermachen. Der Dienst des Dutchovens wird heute Abend noch lange gebraucht. Das nächste Brot wird gebacken und ist erst gegen Mitternacht fertig. Eins ist sicher: Noch einmal bekommt ein Waschbär keine Gelegenheit, sich etwas anzueignen, was ihm nicht gehört.

Sa., 17.10.09    “GOOD DAY SUNSHINE”

Abfahrt:    10:45 h Campground “Sam’s”
Rast:         12:30-14:00 h Campground “Long Lake Dam”
Ankunft:    17:10 h Campground „Inlet“ am Round Pond

„It’s a beautiful day“

Nach einer äußerst frostigen Nacht, verwandelt die Sonne am Morgen unser Tipi in eine Tropfsteinhöhle, die uns früher als gewollt aus den Schlafsäcken treibt. Dafür werden wir mit einen strahlend blauen, fast wolkenlosen Himmel belohnt.
  
Das gute Wetter hat wohl auch  zwei Streifenhörnchen aus ihrem Versteck gelockt, die aufmerksam, aber noch in respektvoller Entfernung unsere Frühstückszubereitungen beobachten. Sie bekommen bald Gesellschaft. Einige Wasservögel schließen sich an und durchstreifen das Dickicht um unser Lager. Wir sind sicher, kurz nach unserem Aufbruch wird kein Krumen Brot mehr auf dem Platz zu finden sein. Spuren am Strand zeugen noch von einem anderen Gast. Allerdings haben wir von dem vorbei streifenden Elch weder etwas gehört noch gesehen.

Zelte und Schlafsäcke trocknen schnell in der klaren, sonnigen Witterung. Die Sonne zeigt ihr strahlendes Antlitz auch noch als wir ablegen und lässt kunstvolle, kupferfarbene Muster auf dem Wasser entstehen. Ablaufendes Wasser vom Paddel bildet kleine Kügelchen, die noch eine Weile glitzernd auf der Wasserfläche tanzen, bevor sie mit ihr verschmelzen.

Friedlich liegt der, wegen der hier oft herrschenden kräftigen Winde gefürchtete Long Lake vor uns. Mit seiner langestreckten, relativ schma-len Form wirkt der See eher wie ein Fluss und weist sogar ein wenig Strö-mung auf. Bunte Mischwälder reichen auch hier bis an die Ufer heran.


„A glass of wine“

Als ein leichtes Rauschen den Long Lake Dam ankündigt, nähern wir uns vorsichtig im seichten Wasser dem rechten Ufer, um die Situation zu erkunden. Die Aussetzstelle liegt kurz vor dem kleinen Damm, über den sich das Wasser über Steinbarrieren seinen Weg sucht und end-
gültig als Fließstrecke weiter strömt. Bis zur Aussetzstelle werden die Boote durch einen Engpass in eine kleine Bucht gestakt oder getreidelt.

Das Gepäck ist schnell umtragen. Jetzt haben wir uns einen Imbiss verdient und weil die Seenstrecke endlich hinter uns liegt, wieder ein Schlückchen Wein. Während Jörg sein Boot bereits über den Damm getreidelt hat, werden die anderen Boote noch umtragen.

„Dancing with the water“

Jetzt beginnt der eigentliche Spaß. Die schöne, abwechslungsreiche Strecke weist einige leichte Stromschnellen auf. Die willkürlich angeordneten Steine im Flussbett sorgen dabei für ständige Aufmerksamkeit. Manches Mal lässt sich die Fahrtroute nur schwer erken-
nen. Gelegentlich ganz enger Kontakt ist dabei unausweichlich, verursacht aber keine Schäden. Einem unfreiwilligen Bad muss sich auch niemand unterziehen.

Recht abenteuerlich mutet der Bauzustand einer Brücke an, die wir passieren. Während dicke, übereinandergestapelte Holzbalken noch teilweise die alte Decke halten und die Geländer halbwegs herabhängen, warten dahinter bereits neu aufgestellte Träger auf die Vollendung der neuen Brücke. Detlef interpretiert das, was sich uns da zur Schau stellt als „Troubled bridge over water“.

Als sich der Allagash in mehrere kleine Arme verzweigt, fällt es etwas schwer, sich für einen zu entscheiden. Wir teilen uns auch auf, vereinen uns wieder und treffen abermals auf eine Elchkuh, die mit ihren Jungen aus dem Dickicht bricht, um die ans andere Ufer zu gelangen.

 Wir paddeln in den Round Pond. Bald darauf haben wir einen der schönsten Campgrounds auf dieser Tour erreicht, den „Inlet“ mit  Wiesengrund amlinken Ufer des kleinen Sees, der idyllisch inmitten einer Bergkulisse ruht.

Während Frühstücksspeck in Gorgonzola-Sahne-Sauce für die Nudeln in der Pfanne wohlaromatische Düfte über den Platz ziehen lässt, kehrt auch das Bier, welches immer noch in den Dosen klickert, neben dem Feuer allmählich wieder in seine flüssige Form zurück.
      
So., 18.10.09    „LAZY SUNDAY“

„Ain’t no sunshine“

Etwas freundlicheres Wetter hätten wir uns schon für unseren Ruhetag in der Idylle gewünscht. Wir trösten uns damit, dass die Trockenperiode immer noch anhält und die Regensachen verstaut bleiben können.

Eigentlich haben wir uns vorgenommen, eine Wanderung zum Feuerturm auf dem gegenüberliegenden Round Pond Mountain zu unternehmen. Der Wachposten ist einer der zwei erhaltenen von ehemals 100 Türmen, die in den Jahren 1905-73 erbaut worden sind, da in den ersten zehn Jahren des 20. Jh. verheerende Feuersbrünste große Waldbestände vernichteten. Doch nach einem ausgiebigen, gehaltvollen Frühstück hat dann doch keiner richtig Lust dazu. Lieber wird ein wenig auf dem See gepaddelt.

„A day at the seaside“

Wir haben Zeit, trotzdem herrscht reges Treiben auf dem Gelände. Am Holzvorrat wird fleißig gearbeitet. Es wird gesägt und gespalten, so dass der Holzstapel an der Feuerstelle ungeheure Ausmaße annimmt. Für Wassernachschub wird ständig gesorgt, u. a. auch von der nahegelegenen Quelle. Ständig blubbert heißes Wasser auf dem Feuer. Die Kaffeekanne ist stets gefüllt. Körperpflege steht heute hoch im Kurs. Besonders die Haare wieder in eine einigermaßen passable Form zu bringen, wird ausgiebig genossen.

„Paint it black“

Jörg und mir geistert ein Apfelkuchen im Kopf herum, Äpfel und Mehl haben wir reichlich. Nur hat keiner von uns jemals so etwas im Dutchoven gebacken. Also wird experimentiert. Der Teig ist schnell fertig. Eifrige Schnippler sorgen für den Belag. Mit einem Guss aus Eiern, Sahne, Frischkäse versehen, dazu später mit reichlich braunen Zucker bestreut und Butter bestückt - davon haben wir auch reichlich – backt er so vor sich hin. Aufsteigende Düfte wirken anregend, lassen uns immer wieder unter den Deckel schauen.

Weil an der Stöckchenprobe aber nicht so recht erkennbar ist, ob der Teig durch ist, bekommt der Kuchen noch etwas Unterhitze. Doch das
war zu viel des Guten. Das zu bergende Exemplar zeigt eine schöne schwarze Ummantelung, aber sein Innenleben mitsamt dem nahrhaften Guss ist durchaus zu genießen. Der angerührte Vanillepudding als Beigabe komplettiert das Experiment. Ulrich macht sich hocherfreut über die fast leere Puddingschüssel her, um ihr auch noch den Rest zu entlocken. Zumindest sind wir satt, so dass ein Abendessen heute ruhig mal ausfallen kann. Aber ein Brot wird noch gebacken – das kalorienreichste der Tour. Die Butter muss schließlich dezimiert werden.

„Great ball of fire“

Am Abend wohnen wir einem außerordentlichen Schauspiel bei. Als die Sonne in schönsten Rottönen versinkt, sorgt sie für eine timmungsvolle warme Beleuchtung über den See und die gegenüberliegenden Berge. Detlef paddelt ins romantische Licht hinein – ein Boot
muss eben mit aufs Foto. Doch da ist noch jemand im Wasser. Kurz bevor sich die Spuren kreuzen, taucht der scheue Geselle ab. Fast hätte es ein Rendezvous des Allagash-Bibers mit unserem Eifel-Biber gegeben. Am Tage ist der Biber nur schwer zu entdecken, aber jetzt in der Dämmerung bricht die Zeit heran, in der er seinem holzigen Job nachgeht.

Wir genießen die abendliche Ruhe, die nur vom gelegentlichen, klagenden Ruf des Loons unterbrochen wird. Leider bekommen wir den wildentenähnlichen Riesentaucher nicht zu Gesicht, der hier als Symbol der Natur und Einsamkeit gilt.

Mo., 19.10.09    „BANKS OF  ALLAGASH“

Abfahrt:      9:45 h Campground „Inlet“
Rast:         12:20-13:10 h Campground “Horsea”
Ankunft:    17:10 h Campground “Allagash Falls”

Es klappt tatsächlich, wir sind bereits kurz nach halb Zehn auf dem Wasser! Selbst die Sonne lacht dazu. Bevor wir den Round Pond endgültig verlassen, nutzen wir die Gelegenheit, nochmals frisches Quellwasser abzuzapfen.

Schon bald kündigen sich durch ein leises Rauschen die nächsten Rapids an. Wieder ist volle Konzentration gefragt. Etwas tückisch
wird’s, wenn die Idealspur nicht genau zu erkennen ist. Deshalb passiert’s schon mal, dass die Boote an extrem flachen Stellen nur noch mit Muskelkraft wieder in die richtige Spur gebracht werden können.

 „Dimensions“

Der Allagash windet sich mit ruhigen und spritzigen Abschnitten durch die herbstliche Landschaft und trägt uns flott voran. Eine besondere Attraktion bestaunen wir an einem mündenden Nebenfluss. Ein Wunder, dass der überhaupt noch Wasser abgibt. Ein Riesenbauwerk versperrt von Ufer zu Ufer den Fluss. Wie lange mögen die pelzigen Holzarbeiter daran wohl gearbeitet haben? Kleine Biberbauten konnten wir bisher schon öfter sehen, aber dieser Damm stellt alle bisherigen in den Schatten.

Da der Körper nach einer Flüssigkeitsabgabe verlangt, paddeln Michael und ich schon mal bis zum nächsten Campground voraus. Als Jörg
und Co. am „Horsea Campground“ anlegen, ist die Mittagstafel schon angerichtet.

„We are the champions“

Nach dem Lunch sehen wir auch endlich einmal die stolzen Schaufelträger der Elche, die sich am Ufer des Flusses vergnügen.  

Wieder wird mancher Stein im Flussbett umkurvt – oder auch nicht ganz so gut. Wir genießen die kurzweilige Tour, auf der sich Spannung und Entspannung die Waage halten.

An der Ranger Station Michaud Farm gibt’s die nächste kleine Pause. Hier trägt uns Jörg wieder aus. Somit ist gewährleistet, dass bis hierher niemand verloren gegangen ist, im Klartext: Es braucht keine Suchaktion gestartet werden. Die letzte Eintragung vor uns stammt vom 01.10.09, ist also schon eine ganze Weile her.

Spritzige Stromschnellen sorgen weiterhin für Abwechslung. Dazwischen beruhigt sich der Allagash so sehr, dass sich die Bäume und der im Sonnenschein strahlend blaue Himmel glasklar in seinem Wasser widerspiegeln. Einer seiner romantischsten Abschnitte offenbart der Flusslauf, als er sich abermals um einige Inseln schlängelt.

„Wild thing“

Jetzt kann es nicht mehr weit sein bis zu den Allagash Falls, und schon bald hören wir in der Ferne ein anschwellendes Rauschen. Noch ein, zwei Meilen. Wir sind an unserem heutigen Ziel und haben die knapp 30 km gut hinter uns gebracht. Routiniert werden das Gepäck bis zum Campground und einige Boote bereits zur Einsetzstelle unterhalb des Wasserfalles getragen. Aufgrund der einbrechenden Dunkelheit und des teilweise vereisten Waldweges bleibt der Rest der Boote sicherheitshalber an der Aussetzstelle liegen.

Es ist unser letzter Abend unter freiem Himmel, wieder auf einem sehr schönen, geräumigen Platz, und Jörg zieht nochmal alle Register seiner Kochkunst. Schweinefilet mit Auberginen, Zucchini und Kartoffeln in einer Tomaten-Sahne-Sauce wird es zur Feier der vollbrachten Leistung geben. Aus dem leise brodelnden Dutchoven steigen schon bald jene würzigen Düfte, welche die Magensäfte ordentlich anregen.

 

Der große Moment ist da, der Deckel wird gelüftet, es kann serviert werden. Detlefs Teller zeigt sich allerdings zunächst nicht sehr kooperativ und lässt seinen Inhalt über die Jacke laufen. Detlef: „So ein Teller hat nun mal einen Flachboden, der kentert leicht.“


Di., 20.10.09    “BYE, BYE, ALLAGASH”

Abfahrt: 12:00 h Campground „Allagash Falls”
Ankunft: 15:20 h Allagash Village

“Early morning rain”

Was weckt uns den da am frühen Morgen? Der erste Gedanke: Das darf doch nicht wahr sein! Aber das leichte Tropfenkonzert ist
unüberhörbar. Der zweite Gedanke: Gut, dass gestern Abend das Tarp doch noch seinen Platz über den Tisch eingenommen hat. Als
alle auf den Beinen sind, hat der Regen seine Tätigkeit glücklicherweise wieder eingestellt, aber wir werden die Zelte heute nass ein-
packen müssen.

Noch ist es nicht soweit, denn zunächst muss sich erst einmal für die lange Portage aufgepowert werden. Es wird nach Herzenslust geschlemmt: Rührei, gebratener Frühstücksspeck, Pancake herzhaft oder süß. Die massive Energiezufuhr dezimiert dazu auch noch das zu schleppende Gepäck.

„Hard, it ain’t hard“

Nach und nach leert sich unser Lagerplatz. Die Meter der zu leistenden Beinarbeit summieren sich. Zwischendurch wird mal innegehalten, um einen Blick auf den Allagash Falls zu werfen, wo sich der Fluss ungezügelt abwärts stürzt.

Mittags ist es vollbracht, wir legen zur letzten Etappe ab. Noch einen Blick auf den mächtigen, donnernden Wasserfall, dann überlassen wir uns wieder der Strömung des Allagashs. Es ist die interessanteste und spritzigste Flusstrecke der ganzen Tour. Stromschnellen reihen sich an Stromschnellen, in denen manchmal die Kontaktaufnahme mit den besonders eng benachbarten Steinen unvermeidbar ist. Der Wasserstand hätte nicht niedriger sein dürfen. Noch können wir uns in einigen Abschnitten, diversen Flachstellen ausweichend, zwischen den Steinen hindurch tasten.

Etwa 12 km hinter den Allagash Falls rauscht der Fluss durch die Twin Brooks Rapids, dem einzigen WWII-klassifizierten Abschnitt seines Verlaufs – ein Vergnügen. Vor den Stromschnellen endet der offizielle „Allagash Wilderness Waterway“. Seine letzte Aussetzstelle hat der Fluss in Allagash Village, bevor er dort in den St. John mündet.

„Civilization“

Als die ersten Anzeichen der Zivilisation am linken Ufer auftauchen,  wie z. B. das „Two River Lunch’s“ liegen nur noch ein paar Flussbögen vor uns. Nach der letzten S-Schleife, an deren Ende die Casey Rapids noch einmal für Spaß sorgen,  lan-den wir schließlich vor der ME 161-Bridge in Allagash Village an und sind am Ziel unserer Kanutour.
 

Etwas Wehmut ist dabei, als wir endgültig wieder festen Boden unter uns spüren. Hinter uns liegen einige schöne, teilweise auch harte
Paddeltage, an denen wir stundenlang allein auf dem Wasser waren. Außer den tierischen Bewohnern begegneten wir weit und breit
keinem Menschen – mal abgesehen von den beiden Rangern, die uns eine meilenweite Portage ersparten .

Während Jörg und Ulli unsere bereitstehenden Autos holen, fährt Norman schon vor, um seine Boote, Paddel und Schwimmwesten sowie unseren angesammelten Müll in Empfang zu nehmen. Mit vereinbarten Kräften ist alles schnell verladen.

Wenig später erstürmen wir hungrig das bereits erwähnte Gasthaus und bekommen fast einen Hitzeschock, denn so viel Wärme sind wir nicht mehr gewöhnt.

„Long way back to Dover-Foxcroft“

Noch liegt eine lange Wegstrecke vor uns, zurück über Fort Kent nach Dover-Foxcroft zu Jerry und Andrea. Beinahe hätte ein stattlicher Elch auf der Straße alles vermasselt. Bei einer Kaffepause steht Einigen noch der Schrecken im Gesicht. Ich hab das Ganze nur infolge einer Vollbremsung miterlebt, die mich aus dem Schlaf gerissen und fast vom Sitz geschleudert hat. Zum Glück, sonst würde mich der Elchbulle wahrscheinlich im Schlaf noch angrinsen.

Punkt 22 Uhr sind wir endlich da, müde und froh, ohne weiteren Zwischenfall angekommen zu sein.

Herzlich werden wir von Jerry und Andrea empfangen. Jerry braucht sich auch keine Sorgen mehr zu machen. Wir sind komplett – obwohl
Ulrich fast verloren gegangen wäre. Der saß auf einem der Campgrounds im WC-Häuschen fest, dessen Riegel sich heimtückisch von außen versperrte.